Dienstag, 21. Juni 2011

Aus Mangel an Hirn

In der Möse gibt es ein Hornissennest, ganz nah bei unserem Haus. Und im Sommer, wenn nun alle Haustüren und Fenster offen stehen, da sind sie dann hier, in meinem Zimmer. Die Hornissen. Gerade habe ich das dritte Todesopfer mit dem Staubsauger beerdigt. Tatsächlich: Die fliegen hier rein und kommen nicht wieder raus. Beim ersten Mal war es tatsächlich eine Hornissenkönigin oder eine mutierte Wespe. Die ist mit viel gut zureden von zwei Mitbewohnern und mir mitten in der Nacht nach einer Stunde wieder verschwunden. Seitdem: drei Todesopfer. Man kann versuchen, sie zu scheuchen. Alle Fenster öffnen, Stunden, Tage, nichts. Die Hornissen kriechen am geöffneten Fenster entlang und schaffen es nicht hinaus. Die letzte tat mir wirklich leid. Vor drei Tagen fror ich ihretwegen die ganze Nacht lang, ließ bei Regen alle Türen und Fenster geöffnet. Am Sonntag morgen dann lag sie auf dem Boden. Direkt neben meinem Bett - was, wenn sie mich noch stechen wollte? Im Schlaf? Und dabei wollte ich ihr helfen.
Wieso schauen die nicht nach rechts oder links, bewegen sich nicht mal drei Zentimeter weiter? Dann würden sie das geöffnete Fenster bemerken. Warum sind Insekten im Schwarm klug und allein so furchtbar dumm?

Übrigens stechen nur etwa ein Zehntel der Hornissen eines Nestes. 10 000 Stiche wären erforderlich, um einen Menschen zu töten. Ich werde sie also beruhigt weiter beobachten. Vielleicht sollte ich versuchen, sie in Schwärmen anzulocken. Dann finden sie vielleicht hinaus.

Montag, 2. Mai 2011

Das Recht bei den Guten und die Schuld bei den Andern.

Man schleppt doch so Einiges über die Jahre mit. Kistenweise Scheiß lagert da im Hinterhirn und wird zu weiten Teilen doch nie wieder hervorgekramt. Vielleicht ist es auch einfach da; man hat vergessen, dass es da liegt, könnte es aber im entscheidenden Moment wieder hervorholen? In dem ganzen Wust findet man sich aber meistens doch nicht mehr zurecht. Wenn man einfach aufräumen könnte; das Unnütze einfach wegschmeissen. Aber nein. Gerade das Unnütze, mehr noch: das Störende, immer im Weg Rumliegende, sodass man jedes Mal drüber fällt, wenn man den Speicher betritt: das bleibt immer da. Kann man hunderte Male wegpacken, zukleben, aus Wut hinter den Schrank werfen und in Situationen wie neuerdings immer öfter: erst zerreissen, dann anzünden, zum Schluss auf die Asche spucken. Vielleicht bald drauf pinkeln. Kommt trotzdem immer wieder.
Mein persönliches Ich-raste-aus-und-bring-dich-um-du-Überbleibsel und ich feiern irgendwann diese Woche Jahrestag. Komisch, ich weiß nicht mal genau, was das für ein Tag war, an dem das passierte. Ob es ein schöner Tag war, ob irgendwas anders war an diesem Tag. Alles ziemlich verschwommen und auch ein bisschen egal. Bis ich dann verstanden hatte, wer sich da an mich dran geheftet hatte, bis heute auf meiner Schulter hockt und mir mit den Jahren einen ordentlichen Buckel bereiten wird. Dieses kleine Ding und ich hatten eine ziemliche Scheißzeit zusammen. Da war immer was Neues, was immer noch Krasseres, Heftigeres, Erschreckenderes. Bis der Unfug nicht mehr so regelmäßig kam; bis ich dachte, ich sei diesen kleinen Auswuchs doch endlich los.
Und: bis dann alles auf perverse Weise normal wirkt. Man dieses spießige Leben führt und sich stolz als Spießbürger präsentiert. Da sitzt es dann wieder, macht Gelächter im Park und Kindsein auf Bahnhöfen zunichte. Versaut einem schlussendlich die wenigen perfekten Momente. Die mit gutem Rotwein hoch oben über der Stadt und dem Glück, vor dem man platzen möchte.
Dann will man völlig müde von so viel gutem Leben nichts mehr von der Welt haben und da steht es wieder. Immer anders verkleidet; manchmal kommt es auch früh morgens, per Anruf oder SMS. Mittlerweile sogar per E-Mail. Und bleibt dann erst mal. Man sucht das liebe Gesicht, mit dem man gerade die ganze Sause geteilt hatte und da ist nichts mehr. Man sucht und sucht und findet irgendwann so einen erbärmlichen Haufen Elend, der schon vergessen hat, was denn da überhaupt so schön war an diesem Leben.
Und jedes Mal meint man, nun - endlich! - habe man die Situation durchschaut. Das nächste Mal würde man schneller sein, den Kerl sofort erkennen und durchschauen.
Das habe ich mir im letzten Jahr an die 365 Mal gesagt. Gestern Abend das letzte Mal. Funktioniert nicht, zu viele gute Dinge hat mein Überbleibsel schon kaputt gemacht. Es ist also da und wird nicht mehr gehen.

Wenn irgdenwann soviel bleibt, von dem Schlechten, was gewesen ist im eigenen Leben, dann gehört es vielleicht dahin. Und ist sicher auch nicht nur schlecht. War einem Lehrmeister in Tugenden, die man für angeboren gehalten hatte und am Ende doch ganz von vorn ins Hirn prügeln musste. Geprügelt bekam, viel eher. Hat gezeigt, dass man nie irgendeinen Furz in dieser Welt als einfach da verstehen sollte.
Und am wichtigsten: Hat einem zu verstehen gegeben, dass man stark ist, viel mehr als man dachte. Dass man mehr aushalten kann als man geglaubt hatte. Und, dass man sich am Ende nur und allein und ausschließlich vor sich selbst rechtfertigen muss und vor niemandem sonst.
Und gestern: Dass man selbst einer von den Guten ist. Die fehlende Hand - die fremde Hand - die die Eigene nicht hält, existiert gar nicht. Die hat man entweder schon selbst oder sie wächst irgendwann.

Montag, 11. April 2011

if there's anything to say, if there's anything to do, if there's any other way

Dann würde es gesagt, getan, befolgt werden. Aber dem ist dann meistens doch nicht so. Das ist im Grunde nichts anderes als furchtbar schade. Sollte um jeden Preis vermieden werden. Warum es also nicht einfach sagen, machen, denken, egal, was kommt?
Dachte ich mir gestern Mittag, in der Sonne sitzend, die Kraxe vor den Füßen, einem anderen Rucksack hinterherschauend.
Natürlich, ich mache das jetzt, das geht und ich bin überhaupt alles, was ich sein möchte. Möchte ich in dem Moment wirklich, sage aber nichts. Stille, ich schaue dem Rucksack hinterher - der läuft beharrlich aufs Ziel zu, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, schaut sich nicht um.
Selbst-und Fremdbild sollten im Idealfall deckungsgleich sein. Mein Fremdbild sagt: "Interessant. Ich halte fest: Du bist definitiv schlimmer als du aussiehst. Es war schön, dich kennen gelernt zu haben." Die Schnitmenge mit dem Selbstbild gefällt mir dann sogar. Wieder unendlich schade. Man könnte einmal im Leben nett sein.
Und wenn man dann einmal nett war und jemandem ein Stück von sich abgegeben hat, zum Mitnehmen, Gegen-die-Wand-werfen oder zum Gießen, dann kann man auch noch ein klein wenig Geduld haben, also entwickeln zu allererst. Und sich dann ganz ruhig und von so ein Stück weiter weg anschauen, was derjenige dann da so gemacht hat mit dem Stück von einem Selbst. Vielleicht war das am Ende ja tatsächlich gut, dass man was abgegeben hat! Da entsteht doch tatsächlich was Neues, vielleicht sogar was Schönes. Und vielleicht gibt einem der andere dann auch was, was ganz Eigenes, Besonderes, Tolles. Und das formt man dann auch. Beinahe romantisch.
So, und nun bekommt man da aber was Kaputtes zurück. Also es sieht gut aus, ganz anders, ist gewachsen und so. Aber da ist ein hässlicher Kratzer dran, den kriegt man nicht mehr weggerubbelt. Man sagt nichts, schaut aber immer hin, das geht gar nicht anders. Und heimlich versucht man dann, das andere Ding, also das Geschenk, auch irgendwie so ein bisschen zu beschädigen, nicht viel. Aber immer ein Stück mehr. Der andere ist dann auch nicht blöd und kriegt das mit. Und so wächst dann irgendwie was Krummes, bisschen verwachsenes. Es wächst aber. Und hoffentlich wächst sichs raus bis es fertig ist. Mit viel sagen, machen, auf dem Weg bleiben, runterschlucken, groß und stark sein.

Mittwoch, 2. März 2011

In der pathologischen Pflicht

„... und an der Brust sahen wir häufig Tumoren, die der Gestalt eines Krebses sehr ähnlich waren. So wie die Beine des Tieres an beiden Seiten des Körpers liegen, so verlassen die Venen den Tumor, der seiner Form nach dem Krebskörper gleicht.“

Gestern im Bus hörte ich mein Herz schlagen. Nicht ungewöhnlich. Wenn man sich konzentriert, ganz genau darauf achtet. Bumm.Bumm.Bumm. Mehr ein dicker, schwerer Stein als der Beweis für Leben. Und gestern, da hat es mich erschreckt. Ich war sicher: das müssen die Leute hier doch hören, das schlägt so laut! Nicht schnell, nicht unregelmäßig, nur wuchtig und laut. Ich bin dann ausgestiegen und gelaufen. Über die Rheinbrücke, am See entlang, der Sonne entgegen. Besser.
Wie lange kann so ein Herz so unverfroren und unbeirrt schlagen-pochen-wummern. Stoisch und siegessicher, ohne Zweifel. Was, wenn es erschreckt wird? Das große Drumherum als das wahrnimmt, was es ist: ein riesiges Geschwür, mit immer mehr Neoplasien, Gewächsen. Nein, die Welt ist nicht schlecht, zumindest nicht zu mir.

Aber in drei Wochen wird gewählt, soll ein Landtag bestimmt werden. Der Wahlbenachrichtigungszettel liegt auf dem Bett. Natürlich werde ich wählen, muss ich wählen. Aber die Entscheidung, aus welchem Topf von Metastasen ich nun das scheinbar harmloseste Lymphom herausziehe, erscheint mir völlig gleich. Gestreut hat hat das Ding alle Mal.
Das dicke fette Malignom Baden-Württemberg ist vielleicht längst nicht so groß in Anbetracht des ganzen Krebses. Des schon krank zur Welt gekommenen Kindes. In Deutschland sterben jedes Jahr fast 2000 Kinder an Leukämie, Hirntumoren, Rückenmark- und Lymphknotenkrebs.

Und ich lasse mir fortan mein Studium von einer politischen Partei teilfinanzieren. Um mir ein Semester an einer Universität leisten zu können, die sich selbst für eine der elitärsten der Welt hält. Besser noch: ich werde noch mehr Geld brauchen, mich immer ein Stück weiter aus dem fahrenden Zug lehnen, anbiedern, mitmachen. Überall Tumore, überall krankes Gewebe.

Sonntag, 27. Februar 2011

Wann ist das denn passiert?

Wann sind wir denn - nun wirklich und wahrhaftig, unabänderlich und ganz sicher - erwachsen geworden?
Vor einer Woche habe ich meine vorerst letzte Prüfung geschrieben. Am Tag zuvor stellte ich erschrocken fest, dass ich noch niemals so abgestumpft und gefühllos meine Tage zugebracht hatte wie in den letzten sechs Wochen. Aufstehen, essen, funktionieren. Desto härter war der Zusammenstoß mit dieser dicken Portion Leben nach der Prüfung: Lachen, Trinken, Weinen vor Lachen, sinnfreies Daherreden, noch mehr trinken, sich im Viertelstundentakt übergeben. Der nächste Tag: Pyjama, Extra-Käsepizza, Nichts mehr. Außer der Feststellung: Ab und an, ja, da macht mich das tatsächlich glücklich, im eigentlichen Wortsinne.
Montag dann wieder auf ins Hamsterrad. Jedoch nicht mehr im Sprint. Freie Abende. An denen jetzt wieder Musik gehört werden soll. Heute: Klänge aus der unbeschwerten Jugendzeit. Und damit dieser Riesenschreck - da ist soviel passiert und ist nun wirklich endgültig. Beim Hören muss ich laut kichern; ich denke an die vielen Konzerte, an die Abende in den immer gleichen Clubs, mit dem immer gleichen Bier. Und den immer gleich dämlichen Gesprächen um fünf Uhr morgens auf dem kalten Bahnhof. Und an meine Vorstellungen vom Leben aus der Zeit. Ich möchte das gar nicht werten, bin aber erstaunt wie selten: noch mehr hätte sich das alles gar nicht ändern können. Auch wenn damals alles weniger konkret war, hatte ich doch einen festen Wertekanon, der alles bestimmen sollte. Hat der sich denn nun so völlig geändert? Wann ist denn die Frage: "Werde ich Kinder mit ihm haben?" zum ausschlaggebenden Kriterium für die Fortführung einer Beziehung geworden?

Gestern Nacht saß ich nach einem 20-Stunden-Tag erschöpft im Zug gen Süden, als in irgendeinem Kaff - es hätte gleichwohl Wurzen sein können - circa fünfzehn volltrunkene, punkende Jugendliche einstiegen. Sie waren sehr laut und sehr einnehmend, für den Moment geradezu anstrengend. Gingen in die zehnte und elfte Klasse. Und erinnerten mich stark an mich selbst: Aufstand üben, aber nie wirklich durchsetzen, das Kein-Bock-auf-Arbeit zwar nölend, aber nicht tatsächlich vertretend. Und verdammt glücklich genau damit.
Davon ist nun wirklich endgültig nichts mehr da. Natürlich wusste ich auch gestern bereits, dass ich mir nie wieder die Haare schwarz-grün färben würde. Aber ich hatte immer gedacht, dass noch ein Funke vom alten Geist geblieben wäre. Wenn ich heute im Schlafanzug Pizza esse, ist der Stapel auf dem Schreibtisch aber trotzdem im Hinterkopf. Zusammen mit tausend anderen Gedanken: Werde ich mitgehen, nach London und Paris, Singapur oder Brüssel? Wie gelingt mir der Berufsstart am besten? Wie kann ich Beruf und Kinder ausbalancieren?
Und jetzt gerade: Will ich nochmal irgendwann für eine Weile in den Tag hineinleben? Noch mal kurz zurück? Geht das denn?

Donnerstag, 20. Januar 2011

Der Wald und die Bäume

Momentan sehe ich beides nicht mehr richtig. Ganz viel grün, verschwommen, bis es "Bumm" macht und ich gegen einen Stamm gelaufen bin. Dann dreht sich alles und mir wird unglaublich schnell kotzübel. Übergeben kann ich mich dann leider nie. Stattdessen taumele ich weiter, vergesse den Zusammenprall bis zur nächsten Kollision. Das geht so den ganzen Tag bis mir nachts die undurchsichtige Situation bewusst wird und ich alles klar zu erkennen glaube. Panik ist ein Scheiß-Gefühl.
Auch das eine Phase, ich weiß. Und im Moment kommt das Taumeln primär von Überarbeitung - ein für mich per se zeitweiliges Problem. Auch das wird vorüber gehen. Muss vorüber gehen. Vergesse ich immer diesen Stress wenn ich länger nicht an einer Universität war? Ich vergesse eher diesen albernen Wettbewerb, an dem ich jedes Mal ganz freiwilig ganz vorn mit dabei bin. Der Stapel wächst jeden Tag, die Tage bis zur endgültigen Frist mag ich aus Angst nicht mehr zählen. "Das schaffe ich nicht" - der dümmste Satz, der mir aus der qualvollen Endzeit des Erststudiums in Erinnerung geblieben ist. Er hatte mich verlassen, um nun doch wieder nachts durch mein Hirn zu geistern. Dabei sollte das Nicht-Schaffen doch nicht mehr der Rede wert sein. Nichts wird sich ändern, wenn der Misserfolg eintritt.
Nur bestimmt nun gerade nichts anderes als Erfolg oder Misserfolg den Alltag hier. Ich möchte ja gar nicht mitrennen, aber all die Juristen und Betriebswirte und Statistiker und Verwaltungswissenschaftler in meinen Vorlesungen und Seminaren ziehen mich einfach hinterher. Man schleifft mich hinterher. Ich wehre mich auch nicht wirklich. All das hier kann nicht das Immer und erst recht nicht das Gut sein. Von Zufrieden und Glück gar keine Rede. Wahrscheinlich auch bei den anderen nicht. Auf das zweite Staatsexamen muss aber noch der Master in European Law in England gepackt werden. Um dann zur Promotion zu rennen. Zwischendurch jettet man nach Yale, um den Freund zu besuchen, den man zwei Mal pro Jahr sieht.
Ich möchte nicht mehr rennen. Ich möchte schlafen, ganz lange, ganz viel. Und ich möchte Crowd, auch lange und viel. Und das klingt sicher verdammt nach Bratze, wenn ich sage, dass ich in einem Monat in vier verschiedenen Ländern, in fünf Städten sein werde. Aber ich finde es doch primär zum Kotzen. Nicht, dass ich genau das studieren kann, was ich möchte, an der besten Uni im Fachgebiet. Auch der spannende neue Job umgeben von Spitzenforschern, Konferenz in Berlin und Barcelona - Danke Danke Danke. Noch mehr die vielen lieben Menschen verteilt auf einen ganzen Kontinent, beste Freunde, Familie.
Aber jetzt gerade, in diesen Tagen, da ist es einfach zu viel. Ich will nicht mehr. Ich bin müde, so müde. Ich will durchatmen und nicht planen. Berkeley, Shnghai, Prettoria, Delhi? Ist mir doch scheißegal. Habt ihr keine anderen Probleme?
Und: "Ich bin es leid." Gesagt zu bekommen, dass es eine Frechheit sei, dass der baden-württembergische Student, dessen Eltern doch so fleißig seien, Gebühren für sein Studium zahle, während man in Sachsen aufgrund des Länderfinanzausgleichs kostenlos studieren dürfe. Ich bin die süddeutsche Ignoranz leid, die nördlich von Würzburg nichts mehr kennt und nichts mehr sieht. Ich bin diese verwöhnten Jurastudentinnen mit ihrem BMW und den Marco-Polo-Blusen leid, die zwar wissen, dass es da noch eine andere Welt gibt, von dieser aber niemals etwas verstehen werden. Ich mag die Elite einfach nicht leiden. Und wäre in diesen Tagen doch am liebsten - nicht in Brüssel oder London - sondern auf Karsibor. Mit drei Menschen. In einem winzigen Auto. Mit Karamellbonbons und Schnaps. Ohne dieses eklige Wort Karriere.

Sonntag, 9. Januar 2011

Plädoyer für das Hinterherlaufen

Die Idee von der Normalität war Utopie. Schöne Utopie. Aber Schwachsinn.
Gestern Abend die Wiederkehr ins Mösle. Nach gefühlten drei Tagen Zugfahrt und viel zu heftigen Entwicklungen in zwei kurzen Wochen schälte ich meinen festgewachsenen Hintern aus dem Sitz und torkelte mit zu viel Gepäck gen Ausgang. Nebel, grau, dunkel, kalt. Kam mir irgendwie entgegen. Später dann Telefonat mit der weisesten aller Mütter: "Du kannst doch nicht dein ganzes Leben im Voraus planen! Du bist eben nicht so wie die. Das kommt schon alles irgendwie und irgendwann." Danke.
Normalität muss also gar nicht der angestrebte Zustand sein? Das wäre ein Fortschritt. Nicht mehr dem hinterherlaufen, was sowieso nicht auf einen wartet. Die Konstanz im Leben als dümmlicher Trugschluss (ein Hohn in Anbetracht des neblig-grauen Wohnortes).

Wieso haben die letzten zwei Wochen aber nicht zumindest ein bisschen davon gebracht? Im Mindesten: Sicherheit, Wissen, Beständigkeit im Verfolgen des Plans. Es gibt keinen Plan, alles immer wieder umgeworfen. Manches wieder aufgebaut, vieles liegen gelassen, tot geglaubtes wieder hervor gegkramt. Ich frage gar nicht mehr, wo es her kommt; es ist eben da. Gut, besser als nichts.
Aber ist das denn richtig so? Wie das jetzt ist? Der Ur-Plan sah ja ganz anders aus. In dem standen Prinzipien. Ganz viele. "Wenn, dann..." "Auf keinen Fall..." "Sicher ist,..." Nichts bleibt. Alles steigt und fällt mit den Menschen, die den Alltag bestimmen, nicht mit denen, die man immer mit sich trägt. Das als neue Erkenntnis. Na wenigstens was.

Wenn nur nicht die ganz kurzen ganz dunklen oder ganz hellen Momente wären. Die, in denen ich mich sicher wähne. Einen Beschluss fasse und siegessicher in die Schlacht ziehe. In Momenten, in denen mir die Prinzipien wieder einfallen. Am nächsten Morgen dann alles wieder weg. Das einzige Prinzip: Hinterherlaufen. Das bleibt. Und wird zum Plan ausgebaut: Glück kommt mit Anpassung. Ganz sicher. Muss ja. Der Mensch ist ein Herdentier und ich bin ein Mensch. Umgeben von dummen Menschen, aber von Menschen.
Jakob von Üxgüll meinte, der Mensch sei das einzige Lebewesen mit durchbrochener Reiz-Reaktions-Kette. Unfug! Wenn alle rennen, renne ich hinterher. Ohne Reflexion über Alternativmöglichkeiten. Wer einmal nachdenkt, hört nicht mehr auf damit und bleibt für immer sitzen, während alle anderen schon ins Ziel eingelaufen sind. Ich soll den Zug zum Tor erkennen. Nicht verpassen. Wichtig. Gut Keule, das nächste Mal.

Seit zwei Wochen riecht es nach Veränderung. Ein beissender, stechender Geruch. Ich vermute alles auf Anfang. Hoffe aber inständig auf eine - gemäß der letzten Monate - konstante Entwicklung. Und habe NICHTS davo selbst in der Hand.