Montag, 25. Juli 2011

Vom Erwachsen werden

Vor acht Tagen stand ich nach einer Stunde Schlaf morgens um 4.45 auf, um sechseinhalb Stunden mit der Regionalbahn durch Deutschland zu fahren. Mein Begleiter war ein 19-jähriger Junge, mit langen, wuscheligen Haaren, einem Strohhut auf dem Kopf und einem Zelt auf dem Rücken. Gerade Abitur gemacht, auf dem Sprung für ein soziales Jahr nach Nicaragua. Auf der Fahrt dösten wir dann so vor uns hin, hörten Musik, er erzählte von seinen Plänen.
Seltsam, wie sich alles so verschiebt. Am Tag zuvor hatte ich meine letzte Prüfung geschrieben, Tag- und Nachtschichten hintereinander, nichts anderes zählt. Und von einer Sekunde zur nächsten ist da wieder das alte vertraute Gefühl, mindestens zwanzig Jahre alt: viel zu müde, um sich über irgendwas Sorgen zu machen, angesteckt vom Fernweh des anderen, glücklich weil man stundenlang mit dem Zug durch den Wald fährt. Kein Geld zu haben ist auf einmal wieder gut, gehört irgendwie dazu zum Jungsein und zum Studieren. Bilder im Kopf von Zugfahrten, die man nie vergessen wird: Polen, Rumänien, Tschechien, Schottland, Belgien. Wie gut war das alles. Das Gekichere, die zerwuschelten Haare, der Sand in den Augen, kluge Sätze, dann stundenlanger Blick auf das, was da vor einem liegt. Das konsequente Kaum-Erwarten-Können.

Und heute? Ist das immer noch alles wirklich gut. Aber nicht mehr gleich. Seltsam, wie sich alles so verschiebt. Heute freut man sich aufrichtig mit dem 19-jährigen, dem alles, aber auch wirklich alles jetzt gerade, genau in diesem Moment, bevorsteht. Dem gerade nichts weniger als die ganze Welt gehört.
Das Gefühl von Befreiung hat aber heute der Unsicherheit Platz gemacht. Man denkt mehr in Zeit- als in Erfahrungsräumen, gibt auch zu, Entscheidungen zu treffen, von denen man schon zuvor wusste, dass die Konsequenzen keinen Spaß bringen würden und kein Stück Selbstfindungspotenzial aufweisen könnten. Solange die Entscheidung ein Schritt in Richtung Sicherheit, Vernunft, Erwachsensein bedeutet hat. Neu ist, dass sich solche Entscheidungen heute ausschließlich und ohne wenn und aber gut anfühlen. Wie ein Stück Gewissheit, dass man tatsächlich erwachsen wird, von ganz allein, aus freien Stücken. Das beruhigt ungemein.

Wirklich seltsam, wie sich das alles bereits verschoben hat! Die Präferenzliste gefühlt einmal herum gedreht. Das, was einem früher Angst gemacht hat, was einen vielleicht sogar angeekelt hat, das ist heute das Fundament von allem, was da ist. Feste Beziehung, Berufsbezeichung ohne "freischaffend", das "Zumindest-rette-ich-damit-die-Welt-auch-wenn-ich-kein-Geld-dabei-verdiene" mit einem Kopfschütteln begraben. Und wieder: das fühlt sich ungemein gut an. Soll genau so und nicht anders sein.

Heute Mittag dann wieder Ankunft im Mösle. Es fühlt sich jetzt schon fremd an, falsch und nicht wie etwas, das noch zu mir gehören sollte. Studenten gehen mir jetzt schon auf die Nerven. Das in-den-Tag-hinein-leben hatte ich noch nie verstanden, heute regt es mich auf. Jahrelanges Sitzen auf der Wiese vorm Haus, mit der immer gleichen Musik, immer ohne klares Ziel. Die Gespräche dumm und leer, selbst der Duktus macht mich aggressiv. Die verdreckte Küche, das versiffte Bad mit den dämlichen Sprüchen an den Wänden. Dazu überall dieser Bass. Und wie mir das alles mal Spaß gemacht hat, wie stolz ich war, dass es mal mir gehört hat. Dass ich auch eine von denen war,vom Pack. Heute frage ich mich, wie es zum Beispiel sein würde, noch mal in die alte Wohnung in London zu ziehen. Mit dem Schimmel überall, der verrotteten Küche, mit dem Würge-Reflex-auslösenden-Gestank, im Winter ohne Heizung, fließend Wasser nur durchgängig im Fitnessstudio. Mit dem wenigen Geld gut gelebt. Überall zu Fuß hin gelaufen, alles geklaut gekauft, in einer Parallelwelt gelebt. Das war die schönste Zeit meines Lebens. Und war genau, exakt und auf die Sekunde damals so richtig, vor drei Jahren.
So seltsam, wie sich das alles so verschiebt. Letzte Woche Telefonat mit der alten Mitbewohnerin aus Dresden. Vor gut zwei Jahren saß man noch rülpsend zusammen in Unterwäsche am Frühstückstisch. Und heute? Studium beendet, fertige Lehrerin, verheiratet, ein Kind. Und will nie nie wieder zum Studentenpack gehören. Verdient jetzt Geld. Ist erwachsen. Am Ende lege ich auf und wünsche mir genau das. Möglichst bald.