Freitag, 25. Juni 2010

How to become a successful lobbyist

Der Titel einer zweistündigen Veranstaltung für Praktikanten gestern. Man mag fragen, warum ich dahin gegangen bin. Neugierde, tatsächlich. Denn obwohl ich in Hohenhausen mittlerweile ganz gut angekommen, geradezu heimisch geworden bin, wird es doch nie meine Heimat werden (man sieht: die Frage bleibt). Will sagen: ich bin immer noch nicht eine von denen. Die fleißig jedes Wort mitschreiben, das der Executive Director for Governmental Affairs sagt. "Go to the parties at the embassies. Try to talk to as many people as possible, but never for more than two minutes. Otherwise you might miss someone really important." In einem proppevollen Ausschusssaal, also mit ungefähr 200 Praktikanten, bin ich die einzige, die dann ein bisschen kichern muss. Alle andern sind furchtbar dankbar für die Ratschläge des Profis.
Gab es nicht mal eine Zeit - es muss schon lange her sein - in der man sich wenigstens noch dafür geschämt hat, Lobbyist zu sein? Heute berichten die Lackaffen mit stolz geschwellter Brust, der Begriff käme von der Hotellobby (soweit stimmt das auch), in der sich früher nur die wichtigsten, besten, tollsten Arschlöcher mit dem amerikanischen Präsidenten treffen durften. Hm, na gut. Natürlich ist das alles wichtig, Interessenvertretung, Leute für die eigene Sache beschwatzen, Einfluss auf Politiker, um Vorhaben umzusetzen. Alles Teil einer lebendigen Demokratie, d'accord. Solange man an was glaubt, ein wirkliches Ziel verfolgt, vielleicht sogar ein Stück weit für eine Sache lebt.
Die 200 Praktikanten aber wollen lediglich irgendwie irgendwo rein ins Lobbying, egal wofür. Das weiß ich, weil die das tatsächlich alle sagen. Ohne sich zu schämen. Und ohne Selbsteinsatz. Die vertretenen Interessen sind so gut wie nie die eigenen. DOW oder Statoil stehen dann auf Platz 1 der Wunschkarrieren. Argumente wie Pestizidweltmeister oder Korruptionsaffären in Verbindugn mit dem Irakkrieg rufen nur große Augen und Unverständnis hervor. Beim Mittagessen kann man dann wenigstens wieder klarmachen, dass Milliardenstrafen für BP völlig gerechtfertigt wären. Denn seltsamerweise will man beim smalltalk dennoch moralisch integer erscheinen. Dann große Augen und Unverständnis auf meiner Seite. Aus mir wird nie ein richtiger Hutmacher. Ob ich einer werden will, ist eine andere Frage; jedenfalls wird mir jede Chance darauf verwehrt.
Natürlich habe ich mich nach zwei Monaten Hutmachergilde an vieles gewöhnt, kann viele Spiele mitspielen, denn ich habe die Regeln gelernt. Und doch kann ich den Vorsprung der anderen Spieler nicht einholen, nie. Allesamt kommen die aus dem Hutmachertal, haben bereits als Kinder neidisch auf alles geschaut, das mit den Hüten auf dem Berg zu tun hatte. Haben statt "Ronja Räubertochter" "Europa in 12 Lektionen" gelesen. Ganz früh die richtigen Vokabeln gelernt: Innovation, Nachhaltigkeit, Kohäsion. Persönlichkeit, Reflektion, Kritik standen aber nicht im Lehrbuch.
Man kann mir wieder grenzenlosen, in die Destruktivität abgleitenden Pessimismus vorwerfen, aber: Diese 200 Praktikanten werden es schaffen. Europäische Kommission, CEOs, Public Affairs Agents, einige vielleicht auch Politiker.
Circa dreißig Prozent der Praktikanten der EU-Institutionen werden später Lobbyisten, zehn Prozent werden führende Interessenvertreter, die Macher der Politik von morgen, so der Executive Director. Glitzernde Äuglein der noch hutlosen 200 Praktikantenköpfe. Ich schlucke nur.

Montag, 14. Juni 2010

Wie die Mistkäfer auf einem Haufen Dreck

So beschrieb letzte Woche, im Rahmen einer Podiumsdiskussion, ein namhafter polnischer Autor Europa. Bezeichnend: der angekündigte Moderator der Veranstaltung fehlte. Es war der Chefredakteur vom Deutschlandfunk, der in Deutschland gerade seinen hutlosen Kopf hinhielt.
Das Interessante an der Mistkäfer-Theorie: Die Käfer bilden eine Gruppe, arbeiten zusammen. Helfen einander, wenn einer gerade auf dem Rücken liegt. Und können dennoch Individuum sein, genau soviel Dreck tragen, wie sie gerade brauchen.
Hm. Aber das Individuum ist weder Weg noch Ziel (Kant dachte dabei ganz sicher nicht an einen föderalistischen Hutverband. Eher an den westfälischen Frieden, dessen Bedeutung für die Hüte von heute mir verschwindend gering erscheint). Das Individuum ist ein egoistisches Arschloch, dem die Gruppe mal ordentlich die Hutkrempe runter rutschen kann. Natürlich ist die Sache komplexer, vielschichtiger, allumfassund und überhaupt nie und nimmer in einem Menschenleben zu beantworten.
Dennoch: eine differenzierte Betrachtung dieses Europas, dieser vereinten Hutkultur, lässt wenig Platz für Optimismus. Viel eher: ein bisschen mehr Pessimismus würde uns gut tun. Dieses friedliche Nebeneinander ist schon viel zu fest und steif geworden, als könnte es keiner mehr umschubsen. Als wäre dieses Europa ein Nationalstaat, der schon immer bestanden habe. Fein, aber auch jahrtausendealte, gewachsene und gefestigte Staaten führen Bürgerkriege. Zerbrechen. Formen sich neu. Das letzte Mal in großem Stil vor 65 Jahren. Vielleicht müssen sich Hutmacher, Hutkäufer und Hutskeptiker erst der Tatsache gewahr werden, dass sechs Jahrzehnte Selbstbestimmung und Frieden nicht selbstverständlich sind. Und gleichzeitig noch nicht lang genug Bestand haben, um irgendeinen Teil dieses Konstrukts als gefestigt oder gar stark zu betrachten.
Dazu noch die Generationenfrage. Der italienische Gesprächspartner – weltberühmter Essayist und Kolumnist – legte recht überzeugend dar, dass die intellektuelle wie auch emotionale Barriere zwischen den Generationen mit den Jahren gewachsen ist. Sind wir also heute noch ignoranter und ungebildeter als die Generationen unserer Eltern und Großeltern? Sind nicht sowohl Arbeiter wie auch Bürgertum wie die Schafe in den Ersten Weltkrieg gelaufen? Haben den Begriff „Individuum“ gar nicht als Teil Ihres Wortschatzes begriffen. Ihre Kinder demnach auch prompt als Teil des Höheren – der Gemeinschaft – erzogen. Ein neuer Haufen Schafe, das Erbe der Eltern blindlings antretend, hinter dem nächsten Kaiser/Führer/Leithammel hinterher marschierend. Und heute? Scheint die Herde keinen mehr zu interessieren. Grast jedes Schaf für sich allein. Individuum. Ist das einzelne Schaf nun weniger dumm, faul und ignorant?

Ich drehe mich hier sicher im Kreis mit dieser Schlaumeierei um das Schlechte im Menschen. Ernst ist es mir trotzdem. Denn: ich mag wirklich nicht mehr recht glauben an dieses Europa. Auch an ein anderes nicht. Ich weiß, dass wir es brauchen, auch zu tief drin stecken, um links und rechts überhaupt noch wahrzunehmen, geschweige denn, als Alternativen zu erkennen. Sicher verfinstert die Situation in dieser französisch-niederländischen Enklave meine Sichtweise noch. Belgique, c’est pas un pays, c’est un problème. Und doch: was Belgien im Kleinen, das ist Europa im Großen. Nicht in jeder Hinsicht, aber zu einem erschreckend großen Teil. Immer dann, wenn es dem einzelnen an den Kragen geht, nämlich. So wie den Belgiern seit der Gründung ihres Staates. Gestern haben die Sozialisten übrigens die Wahl gewonnen. Interessieren tut das keinen. Fast wie die Sache mit diesem Europa.