Der Titel einer zweistündigen Veranstaltung für Praktikanten gestern. Man mag fragen, warum ich dahin gegangen bin. Neugierde, tatsächlich. Denn obwohl ich in Hohenhausen mittlerweile ganz gut angekommen, geradezu heimisch geworden bin, wird es doch nie meine Heimat werden (man sieht: die Frage bleibt). Will sagen: ich bin immer noch nicht eine von denen. Die fleißig jedes Wort mitschreiben, das der Executive Director for Governmental Affairs sagt. "Go to the parties at the embassies. Try to talk to as many people as possible, but never for more than two minutes. Otherwise you might miss someone really important." In einem proppevollen Ausschusssaal, also mit ungefähr 200 Praktikanten, bin ich die einzige, die dann ein bisschen kichern muss. Alle andern sind furchtbar dankbar für die Ratschläge des Profis.
Gab es nicht mal eine Zeit - es muss schon lange her sein - in der man sich wenigstens noch dafür geschämt hat, Lobbyist zu sein? Heute berichten die Lackaffen mit stolz geschwellter Brust, der Begriff käme von der Hotellobby (soweit stimmt das auch), in der sich früher nur die wichtigsten, besten, tollsten Arschlöcher mit dem amerikanischen Präsidenten treffen durften. Hm, na gut. Natürlich ist das alles wichtig, Interessenvertretung, Leute für die eigene Sache beschwatzen, Einfluss auf Politiker, um Vorhaben umzusetzen. Alles Teil einer lebendigen Demokratie, d'accord. Solange man an was glaubt, ein wirkliches Ziel verfolgt, vielleicht sogar ein Stück weit für eine Sache lebt.
Die 200 Praktikanten aber wollen lediglich irgendwie irgendwo rein ins Lobbying, egal wofür. Das weiß ich, weil die das tatsächlich alle sagen. Ohne sich zu schämen. Und ohne Selbsteinsatz. Die vertretenen Interessen sind so gut wie nie die eigenen. DOW oder Statoil stehen dann auf Platz 1 der Wunschkarrieren. Argumente wie Pestizidweltmeister oder Korruptionsaffären in Verbindugn mit dem Irakkrieg rufen nur große Augen und Unverständnis hervor. Beim Mittagessen kann man dann wenigstens wieder klarmachen, dass Milliardenstrafen für BP völlig gerechtfertigt wären. Denn seltsamerweise will man beim smalltalk dennoch moralisch integer erscheinen. Dann große Augen und Unverständnis auf meiner Seite. Aus mir wird nie ein richtiger Hutmacher. Ob ich einer werden will, ist eine andere Frage; jedenfalls wird mir jede Chance darauf verwehrt.
Natürlich habe ich mich nach zwei Monaten Hutmachergilde an vieles gewöhnt, kann viele Spiele mitspielen, denn ich habe die Regeln gelernt. Und doch kann ich den Vorsprung der anderen Spieler nicht einholen, nie. Allesamt kommen die aus dem Hutmachertal, haben bereits als Kinder neidisch auf alles geschaut, das mit den Hüten auf dem Berg zu tun hatte. Haben statt "Ronja Räubertochter" "Europa in 12 Lektionen" gelesen. Ganz früh die richtigen Vokabeln gelernt: Innovation, Nachhaltigkeit, Kohäsion. Persönlichkeit, Reflektion, Kritik standen aber nicht im Lehrbuch.
Man kann mir wieder grenzenlosen, in die Destruktivität abgleitenden Pessimismus vorwerfen, aber: Diese 200 Praktikanten werden es schaffen. Europäische Kommission, CEOs, Public Affairs Agents, einige vielleicht auch Politiker.
Circa dreißig Prozent der Praktikanten der EU-Institutionen werden später Lobbyisten, zehn Prozent werden führende Interessenvertreter, die Macher der Politik von morgen, so der Executive Director. Glitzernde Äuglein der noch hutlosen 200 Praktikantenköpfe. Ich schlucke nur.
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