Dienstag, 25. September 2012
Es gibt kein richtiges Leben im falschen
Ich sitze gegen dreiundzwanzig Uhr in einem chinesischen Imbiss. Draussen regnet es und ich habe schon einen Liter Bier getrunken, dafür aber noch nichts gegessen. Nach den Schrimps mit Curryreis dann Diskussionen über die Arbeit. Die Hälfte meiner Begleiter sind Ärzte, die andere Hälfte Ingenieure. Es sollte mir also herzlich egal sein. Ich sage wenig, doch meine Ablehnung ist eindeutig. Wir rennen durch den Regen, alle wohnen in der gleichen Richtung. Küsschen links, Küsschen rechts, es war wirklich sehr lustig, das machen wir bald wieder. Ich komme daheim an und kotze. Sicher weniger wegen der Unterhaltung als wegen der Kombination aus Bier und China-Schrimps. Und doch: Hätte besser laufen können heute Abend, Essen und Gesellschaft.
Zwei Tage zuvor: Ich komme an auf dem Flughafen. Wenige Stunden zuvor saß ich noch mit den Füßen im Wasser am Bodensee. Ich hatte das alles vergessen, all die Kaukasier, die Stille, die Sauberkeit und grenzenlose Perfektion da unten im Nimmerland. Ich war nie zu Hause dort.
Auf dem Flughafen bin ich wieder die einzige Kaukasierin, zudem die einzige Frau, die ihre Haare zeigt. Im Bus frage ich nach dem bevorstehenden Kipur. Ich ernte nur einen erschrockenen Blick und ein leises "Darüber sprechen wir zu Hause." Natürlich, das ist gefährlich in der Öffentlichkeit, meine Schuld. Angekommen an der U-Bahn-Station: Laut, dreckig, voll, verhüllte Frauen und bärtige Männer. Wie immer. Nach dem Bodensee frage ich mich dennoch eine Sekunde lang, ob ich möchte, dass meine Kinder so aufwachsen. "Sie haben keine Chance. Oder denkst du, die Schweiz bedeutet Normalität?" Natürlich nicht.
Meine Arbeit gefällt mir auch nach sechs Monaten wirklich gut. Spaß ist nicht das richtige Wort, denn im Normalfall gehe ich mit roten Wangen und etwas Kopfschmerzen nach Hause. Dennoch gibt mir die Arbeit eine Bestätigung, die ich bis dahin nicht kannte. Ich bin sehr viel ausgeglichener, zufriedener mit meinem Alltag, wohl auch weil ich sehr viel weniger Zeit habe, an irgendetwas anderes zu denken. Während der Diskussion über Arbeit und während all der ähnlichen Diskussionen bei einem Feierabendbier denke ich dann aber, dass ich meine Arbeit nicht mögen sollte. Das sind die kurzen Momente in denen der Gedanke an Aufgeben, zurück nach Leipzig gehen und im Museum arbeiten wieder aufkommt. Nicht lange, weil ich ihn nicht lang ernst nehmen kann. Aber er kommt. In den Momenten, in denen ich so scheiße einsam bin, in denen mir so brutal klar gemacht wird, dass ich in dieser Stadt keinen einzigen Freund habe. Auch in der anderen nicht. Wenn mir wieder einfällt, dass mich hier ja keiner kennt, obwohl wir meistens die Wochenenden gemeinsam verbringen. Wenn einer aus der Gruppe wüsste, wo ich herkomme, was ich in meinem Leben gemacht habe und, was im März auf meinem Abschlusszeugnis stehen wird, würden sie mich mit anderen Augen sehen. Ich bin schließlich eine von denen, über die sie nachts im Chinaimbiss sprechen. Entwder würden wir dann nie wieder über Arbeit sprechen oder wir würden uns einfach seltener sehen. Eine Freundschaft wird aber ohnehin nie entstehen.
Nun könnte man meinen, dass ich selbst Schuld bin, mich an den freien Wochenenden nur mit Ärzten und Ingenieuren zu umgeben. Menschen, für die Geld beinahe keine Rolle spielt und, die sich das Studieren an einer Nicht-Elite-Universität nicht vorstellen möchten. Es ist nun aber so, dass ich mit einem Trenchcoat bekleidet und einem i-Phone in der Hand, als Werksstudentin für einen Konsumgüterkonzern, bei potenziellen ehemaligen Mitstudenten nicht mehr allzu gern gesehen werde. Sie mir vielleicht auch etwas zu fremd geworden sind in den letzten Monaten. Ich habe mit der Bewerbung für ein Praktikum im letzten Jahr eine Entscheidung getroffen.
Und da hätten wir dann das Dilemma: Gibt es denn ein richtiges Leben im falschen? Ich möchte Adorno widersprechen und händeringend, flehend und bettelnd dafür plädieren. Denn er hat die Alternative vergessen. Wenn die Suche nach Glück immer nur wieder in die Kindheit zurück führt, dann sieht es ziemlich finster aus. Das Glück aus Kindertagen bekommen wir nicht mehr zurück; wir müssen ein Neues suchen und müssen mit geballter Faust daran glauben, es zu finden.
Es wäre so furchtbar ungerecht, damit zu scheitern. Nicht wegen irgendwelcher Vergleiche, die mit Ignoranz und Unwissenheit arbeiten, nicht wegen der Wertekanones, die auf dem Prinzip Teilhabe durch Leistung basieren, nicht aus dem Glauben an die reinen Kinderaugen heraus. Aus reinem Pragmatismus.
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