Donnerstag, 20. Januar 2011

Der Wald und die Bäume

Momentan sehe ich beides nicht mehr richtig. Ganz viel grün, verschwommen, bis es "Bumm" macht und ich gegen einen Stamm gelaufen bin. Dann dreht sich alles und mir wird unglaublich schnell kotzübel. Übergeben kann ich mich dann leider nie. Stattdessen taumele ich weiter, vergesse den Zusammenprall bis zur nächsten Kollision. Das geht so den ganzen Tag bis mir nachts die undurchsichtige Situation bewusst wird und ich alles klar zu erkennen glaube. Panik ist ein Scheiß-Gefühl.
Auch das eine Phase, ich weiß. Und im Moment kommt das Taumeln primär von Überarbeitung - ein für mich per se zeitweiliges Problem. Auch das wird vorüber gehen. Muss vorüber gehen. Vergesse ich immer diesen Stress wenn ich länger nicht an einer Universität war? Ich vergesse eher diesen albernen Wettbewerb, an dem ich jedes Mal ganz freiwilig ganz vorn mit dabei bin. Der Stapel wächst jeden Tag, die Tage bis zur endgültigen Frist mag ich aus Angst nicht mehr zählen. "Das schaffe ich nicht" - der dümmste Satz, der mir aus der qualvollen Endzeit des Erststudiums in Erinnerung geblieben ist. Er hatte mich verlassen, um nun doch wieder nachts durch mein Hirn zu geistern. Dabei sollte das Nicht-Schaffen doch nicht mehr der Rede wert sein. Nichts wird sich ändern, wenn der Misserfolg eintritt.
Nur bestimmt nun gerade nichts anderes als Erfolg oder Misserfolg den Alltag hier. Ich möchte ja gar nicht mitrennen, aber all die Juristen und Betriebswirte und Statistiker und Verwaltungswissenschaftler in meinen Vorlesungen und Seminaren ziehen mich einfach hinterher. Man schleifft mich hinterher. Ich wehre mich auch nicht wirklich. All das hier kann nicht das Immer und erst recht nicht das Gut sein. Von Zufrieden und Glück gar keine Rede. Wahrscheinlich auch bei den anderen nicht. Auf das zweite Staatsexamen muss aber noch der Master in European Law in England gepackt werden. Um dann zur Promotion zu rennen. Zwischendurch jettet man nach Yale, um den Freund zu besuchen, den man zwei Mal pro Jahr sieht.
Ich möchte nicht mehr rennen. Ich möchte schlafen, ganz lange, ganz viel. Und ich möchte Crowd, auch lange und viel. Und das klingt sicher verdammt nach Bratze, wenn ich sage, dass ich in einem Monat in vier verschiedenen Ländern, in fünf Städten sein werde. Aber ich finde es doch primär zum Kotzen. Nicht, dass ich genau das studieren kann, was ich möchte, an der besten Uni im Fachgebiet. Auch der spannende neue Job umgeben von Spitzenforschern, Konferenz in Berlin und Barcelona - Danke Danke Danke. Noch mehr die vielen lieben Menschen verteilt auf einen ganzen Kontinent, beste Freunde, Familie.
Aber jetzt gerade, in diesen Tagen, da ist es einfach zu viel. Ich will nicht mehr. Ich bin müde, so müde. Ich will durchatmen und nicht planen. Berkeley, Shnghai, Prettoria, Delhi? Ist mir doch scheißegal. Habt ihr keine anderen Probleme?
Und: "Ich bin es leid." Gesagt zu bekommen, dass es eine Frechheit sei, dass der baden-württembergische Student, dessen Eltern doch so fleißig seien, Gebühren für sein Studium zahle, während man in Sachsen aufgrund des Länderfinanzausgleichs kostenlos studieren dürfe. Ich bin die süddeutsche Ignoranz leid, die nördlich von Würzburg nichts mehr kennt und nichts mehr sieht. Ich bin diese verwöhnten Jurastudentinnen mit ihrem BMW und den Marco-Polo-Blusen leid, die zwar wissen, dass es da noch eine andere Welt gibt, von dieser aber niemals etwas verstehen werden. Ich mag die Elite einfach nicht leiden. Und wäre in diesen Tagen doch am liebsten - nicht in Brüssel oder London - sondern auf Karsibor. Mit drei Menschen. In einem winzigen Auto. Mit Karamellbonbons und Schnaps. Ohne dieses eklige Wort Karriere.

Sonntag, 9. Januar 2011

Plädoyer für das Hinterherlaufen

Die Idee von der Normalität war Utopie. Schöne Utopie. Aber Schwachsinn.
Gestern Abend die Wiederkehr ins Mösle. Nach gefühlten drei Tagen Zugfahrt und viel zu heftigen Entwicklungen in zwei kurzen Wochen schälte ich meinen festgewachsenen Hintern aus dem Sitz und torkelte mit zu viel Gepäck gen Ausgang. Nebel, grau, dunkel, kalt. Kam mir irgendwie entgegen. Später dann Telefonat mit der weisesten aller Mütter: "Du kannst doch nicht dein ganzes Leben im Voraus planen! Du bist eben nicht so wie die. Das kommt schon alles irgendwie und irgendwann." Danke.
Normalität muss also gar nicht der angestrebte Zustand sein? Das wäre ein Fortschritt. Nicht mehr dem hinterherlaufen, was sowieso nicht auf einen wartet. Die Konstanz im Leben als dümmlicher Trugschluss (ein Hohn in Anbetracht des neblig-grauen Wohnortes).

Wieso haben die letzten zwei Wochen aber nicht zumindest ein bisschen davon gebracht? Im Mindesten: Sicherheit, Wissen, Beständigkeit im Verfolgen des Plans. Es gibt keinen Plan, alles immer wieder umgeworfen. Manches wieder aufgebaut, vieles liegen gelassen, tot geglaubtes wieder hervor gegkramt. Ich frage gar nicht mehr, wo es her kommt; es ist eben da. Gut, besser als nichts.
Aber ist das denn richtig so? Wie das jetzt ist? Der Ur-Plan sah ja ganz anders aus. In dem standen Prinzipien. Ganz viele. "Wenn, dann..." "Auf keinen Fall..." "Sicher ist,..." Nichts bleibt. Alles steigt und fällt mit den Menschen, die den Alltag bestimmen, nicht mit denen, die man immer mit sich trägt. Das als neue Erkenntnis. Na wenigstens was.

Wenn nur nicht die ganz kurzen ganz dunklen oder ganz hellen Momente wären. Die, in denen ich mich sicher wähne. Einen Beschluss fasse und siegessicher in die Schlacht ziehe. In Momenten, in denen mir die Prinzipien wieder einfallen. Am nächsten Morgen dann alles wieder weg. Das einzige Prinzip: Hinterherlaufen. Das bleibt. Und wird zum Plan ausgebaut: Glück kommt mit Anpassung. Ganz sicher. Muss ja. Der Mensch ist ein Herdentier und ich bin ein Mensch. Umgeben von dummen Menschen, aber von Menschen.
Jakob von Üxgüll meinte, der Mensch sei das einzige Lebewesen mit durchbrochener Reiz-Reaktions-Kette. Unfug! Wenn alle rennen, renne ich hinterher. Ohne Reflexion über Alternativmöglichkeiten. Wer einmal nachdenkt, hört nicht mehr auf damit und bleibt für immer sitzen, während alle anderen schon ins Ziel eingelaufen sind. Ich soll den Zug zum Tor erkennen. Nicht verpassen. Wichtig. Gut Keule, das nächste Mal.

Seit zwei Wochen riecht es nach Veränderung. Ein beissender, stechender Geruch. Ich vermute alles auf Anfang. Hoffe aber inständig auf eine - gemäß der letzten Monate - konstante Entwicklung. Und habe NICHTS davo selbst in der Hand.