Sonntag, 9. Januar 2011

Plädoyer für das Hinterherlaufen

Die Idee von der Normalität war Utopie. Schöne Utopie. Aber Schwachsinn.
Gestern Abend die Wiederkehr ins Mösle. Nach gefühlten drei Tagen Zugfahrt und viel zu heftigen Entwicklungen in zwei kurzen Wochen schälte ich meinen festgewachsenen Hintern aus dem Sitz und torkelte mit zu viel Gepäck gen Ausgang. Nebel, grau, dunkel, kalt. Kam mir irgendwie entgegen. Später dann Telefonat mit der weisesten aller Mütter: "Du kannst doch nicht dein ganzes Leben im Voraus planen! Du bist eben nicht so wie die. Das kommt schon alles irgendwie und irgendwann." Danke.
Normalität muss also gar nicht der angestrebte Zustand sein? Das wäre ein Fortschritt. Nicht mehr dem hinterherlaufen, was sowieso nicht auf einen wartet. Die Konstanz im Leben als dümmlicher Trugschluss (ein Hohn in Anbetracht des neblig-grauen Wohnortes).

Wieso haben die letzten zwei Wochen aber nicht zumindest ein bisschen davon gebracht? Im Mindesten: Sicherheit, Wissen, Beständigkeit im Verfolgen des Plans. Es gibt keinen Plan, alles immer wieder umgeworfen. Manches wieder aufgebaut, vieles liegen gelassen, tot geglaubtes wieder hervor gegkramt. Ich frage gar nicht mehr, wo es her kommt; es ist eben da. Gut, besser als nichts.
Aber ist das denn richtig so? Wie das jetzt ist? Der Ur-Plan sah ja ganz anders aus. In dem standen Prinzipien. Ganz viele. "Wenn, dann..." "Auf keinen Fall..." "Sicher ist,..." Nichts bleibt. Alles steigt und fällt mit den Menschen, die den Alltag bestimmen, nicht mit denen, die man immer mit sich trägt. Das als neue Erkenntnis. Na wenigstens was.

Wenn nur nicht die ganz kurzen ganz dunklen oder ganz hellen Momente wären. Die, in denen ich mich sicher wähne. Einen Beschluss fasse und siegessicher in die Schlacht ziehe. In Momenten, in denen mir die Prinzipien wieder einfallen. Am nächsten Morgen dann alles wieder weg. Das einzige Prinzip: Hinterherlaufen. Das bleibt. Und wird zum Plan ausgebaut: Glück kommt mit Anpassung. Ganz sicher. Muss ja. Der Mensch ist ein Herdentier und ich bin ein Mensch. Umgeben von dummen Menschen, aber von Menschen.
Jakob von Üxgüll meinte, der Mensch sei das einzige Lebewesen mit durchbrochener Reiz-Reaktions-Kette. Unfug! Wenn alle rennen, renne ich hinterher. Ohne Reflexion über Alternativmöglichkeiten. Wer einmal nachdenkt, hört nicht mehr auf damit und bleibt für immer sitzen, während alle anderen schon ins Ziel eingelaufen sind. Ich soll den Zug zum Tor erkennen. Nicht verpassen. Wichtig. Gut Keule, das nächste Mal.

Seit zwei Wochen riecht es nach Veränderung. Ein beissender, stechender Geruch. Ich vermute alles auf Anfang. Hoffe aber inständig auf eine - gemäß der letzten Monate - konstante Entwicklung. Und habe NICHTS davo selbst in der Hand.

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