Donnerstag, 20. Oktober 2011

Exit and Voice

Two immigrants from Germany meet for the first time after many years in New York. One asks the other: "Are you happy here?" Reply: "I am happy aber glücklich bin ich nicht."

Es ist 7.30 morgens. Das Tor quietscht etwas. Die Luft ist noch angenehm kalt und klar; es riecht nach frischem Gras; ein Mann verlässt den Vorgarten und geht mit seinem Hund spazieren. Auf dem Weg nach Hause sehe ich niemanden sonst; ich war lange nicht mehr so ruhig und ausgeglichen wie jetzt. In zweieinhalb Stunden beginnt die erste Vorlesung für heute.
Ruhig, leise, shhhh. Ich müsste dringend schlafen. Am Freitag, dann ist die Woche vorbei, ist alles abgegeben, ist das Interview vorüber. Und dann? Wann stelle ich mir die Frage? Und wann entscheide ich mich für die Antwort? Exit or Voice, you have a choice klingt es noch nach. Dieses Mal nicht, denke ich auf dem Nachhauseweg.
Meine Freundin fragt: "Are you happy in California?" "I cannot remember having been so happy in my life." Das letzte Mal so viel gelacht, so viel in die Sonne geschaut, so viel getanzt habe ich in London. An einem Sonntag Morgen um 5.30 werde ich im Taxi von einer anderen Freundin dennoch hören: "Tu es trop triste, Maria."
In einem Land, in dem das Glück die einzige akzeptierte Lebensform darstellt, ist es schwer, zwischen den Stühlen zu stehen. Ich war nicht glücklich mit dem Leben, das der westliche Mensch mit allen Mitteln zu erhalten sucht. Noch nicht, sage ich mir und will es doch nicht recht glauben. And one must be happy, sagt Albert Hirschman.

Das geht am besten durch Weglaufen. Oder präziser: Verleugnung, Flucht, Sündenbock finden und Zynismus. Zusammen: Verweigerung. Ich habe das Gesamtpaket in den letzten Jahren perfektioniert und beherrsche es meisterhaft: "Es ist kein Problem. Es könnte ein Problem sein, aber nicht meines. Ich bin sicher, es ist ein Problem, aber ich bin nicht schuld. Ich erkenne das Problem klar und deutlich aber ich kann es ja doch nicht ändern." Was, wenn der Punkt kommt, an dem ich nicht mehr davonlaufen kann? Bleibe ich dann bei der Verleugnung und werde trotzdem glücklich? As one must be happy. Oder entscheide ich mich dann für Zufriedenheit? Die Zufriedenen scheinen gut zurecht zu kommen. Wenn das Weglaufen nur nicht immer wirklich so glücklich machen würde. Für den kurzen Moment. In dem man von der Insel auf die erleuchtete Stadt schaut. In dem man tatsächlich angesprochen wird mit den Worten: "I'm sorry to ask you, but do you have any pills? Really, no? Sorry, you guys just looked so happy, I thought..." Ist es gut, immer dann glücklich zu sein, wenn man die Zerbrechlichkeit des Moments beinahe riechen kann? Wenn einem zehn Gründe einfallen, wieso das hier nicht für immer sein kann und nicht für immer sein soll?
Und was, wenn das alles ganz furchtbar falsch war und die Angst richtig ist? Was dann? Voice over Exit? Die Entscheidung käme zu spät. Vor den Konsequenzen könnte ich aber in jedem Fall erst mal weglaufen. Morgen Nacht das Interview; ich hoffe, die wollen mich. Das wäre neuer Rekord: ohne Ankommen direkt weiter weglaufen, in die nächste Stadt, in das nächste Leben, nicht anhalten, nicht nachdenken.
Ich sollte dringend schlafen.