Donnerstag, 15. Juli 2010

Glycerol-Insel

„No entiendo nada. Es como toda mi vida cambia. Cada día.”

“A veces creo que es la ciudad que decide todo. Yo no puedo hacer nada.”

“Ay, que hacemos…”

“Vamos a esperar al cambio.”

Die Gespräche im Waschsalon sind mir doch die liebsten. Egal, über was da gesprochen wird – man versteht sich; die Insel verbindet.
Da kann der marokkanische Mitbewohner betrunken auf arabisch schimpfen, die ecuadorianische Partybekanntschaft einem beim Aufs-Dach-Klettern die privatesten Details vor die Füße kotzen oder die Lieblingsspanierin einem beim Wäschezusammenlegen nur einen Blick zuwerfen – man versteht sich. Vielleicht nicht alles, manchmal – eher oft – versteht man nicht mal die einzelnen Worte der vielen Sprachen, die einem an den Kopf gepustet werden. Aber das Gefühl um die Magengegend ist ja doch immer das Gleiche. Gestern brachte es ein mir sehr lieber Mensch auf den Punkt: „Nun…’Sag niemals nie.’ Ich denke das ist das Wichtigste, was wir in den letzten Monaten gelernt haben.“ Ein bescheuerter Satz, aber Recht hast du, Keule. Diese Hutmacherstadt nimmt sich jeden Tag aufs Neue ein Stück Welt, ein Stück Realität. Und dreht es einmal so lange im Kreis, bis es sich selbst ins Absurde verkehrt. Jegliche Bedeutung verliert. Bis man sich fragt, was dieses oder jenes überhaupt je bedeutet hat für einen selbst. Menschen, Werte, Vorstellungen werden nicht egal, aber sie verändern sich. Und wie die liebe Mitbewohnerin im Waschsalon feststellte, ändern sie sich manchmal jeden Tag. Ohne, dass man es merkt, findet man das eigene Leben ganz schnell ganz anders.
„Das hätte ich ja nie von dir gedacht.“ „Ja, ich auch nicht. Komisch, hm?“ Vielleicht sollte jeder eine Weile auf einer Insel leben und sich selbst neu kennen lernen. Ich denke man sieht die Welt danach um einiges entspannter.

Zwischenzeitlich dachte ich, man verbringe hier den Großteil der Zeit damit, sich das Hirn weg zu saufen. Dem ist wahrscheinlich auch so. Aber der Teil an Hirn, der bleibt, scheint mir ein guter Teil zu sein. (Sterben vom Kopf-gegen-die-Wand schlagen mehr Hirnzellen als vom Trinken?)
Ein Teil der Meute verlässt den Tempel und die gesamte Hutmachergemeinde mit ein paar blauen Flecken, andere gehen völlig vernarbt, der Rest bleibt und lernt mit diesem Zirkus irgendwie zu leben. Manchmal fragen wir uns, ob wir das könnten. Numero uno hat sich bereits entschieden, lebt seit zwei Jahren hier. Die nächste hat sich gestern entschlossen, sie möchte bleiben, Vertrag verlängert. Und ein Dritter will es noch mal versuchen, schauen, ob er es mit den Affen und den Schweinen aushält; er liebe den Zirkus ja doch sehr. Das tun die Meisten, ich auch. An Tagen, an denen sowohl der Kopf als auch die Wand (seit gestern eher die Holztür, weniger schmerzhaft) heil bleibt. Dann hüpft man als Endorphin-Dopamin-Bombe über von Kotze und Obdachlosen gesäumte Bürgersteige, fährt mit sieben anderen in einem Ford Fiesta durch die Hohenhausener Nacht (warum bin ich immer der Dödel, der seinen Kopf aus dem Schiebedach halten muss und beim Bremsen jedes Mal Todesängste ausstehen muss?) und ist überzeugt vom „Wer-wenn-nicht-wir“. LIEBT diese Arbeit, das Gefühl von wichtig, gut und richtig abends beim Einschlafen.

Man sieht das Glück in Reinform; das ist ein Luxus, den sich erwachsene Menschen selten leisten können (tatsächlich erscheint diese Stadt manchmal als Erasmus für Erwachsene). Der Luxus ist der Egoismus, dem hier jeder so anhängt, der so wichtig und richtig ist. Eingetauscht wird das gegen: Sicherheit, Stabilität und: eine Perspektive. Die hat hier tatsächlich so gut wie keiner, auch nie gehabt. Der Holzhammer kann einem jeden Morgen nach dem Aufstehen auf den Kopf rumsen und die Schädeldecke zermatschen. (Das neuerdings Pathologische in meinen Beschreibungen ist unbeabsichtigt.) Sicherlich ist diese Dreieinigkeit im Europa des 21. Jahrhunderts sowieso längst Utopie geworden. Aber in Hohenhausen ist nicht mal mehr ein Überrest dieser (bürgerlichen?) Werte zu finden. Keiner scheint hier mehr danach zu suchen; sie gelten als tot und bereits begraben. Und werden trotzdem von allen vermisst.
Die Konsequenz ist dann meist: kaum tiefe Freundschaften, keine Beziehung, niemals Familie. Drei Dinge, die auf meiner Lebensliste an vorderster Stelle stehen. Aber seit letzter Woche halte ich mich dann doch lieber an die weisen Worte des jungen Mannes: „Sag niemals nie.“ Und warte ab.

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