„... und an der Brust sahen wir häufig Tumoren, die der Gestalt eines Krebses sehr ähnlich waren. So wie die Beine des Tieres an beiden Seiten des Körpers liegen, so verlassen die Venen den Tumor, der seiner Form nach dem Krebskörper gleicht.“
Gestern im Bus hörte ich mein Herz schlagen. Nicht ungewöhnlich. Wenn man sich konzentriert, ganz genau darauf achtet. Bumm.Bumm.Bumm. Mehr ein dicker, schwerer Stein als der Beweis für Leben. Und gestern, da hat es mich erschreckt. Ich war sicher: das müssen die Leute hier doch hören, das schlägt so laut! Nicht schnell, nicht unregelmäßig, nur wuchtig und laut. Ich bin dann ausgestiegen und gelaufen. Über die Rheinbrücke, am See entlang, der Sonne entgegen. Besser.
Wie lange kann so ein Herz so unverfroren und unbeirrt schlagen-pochen-wummern. Stoisch und siegessicher, ohne Zweifel. Was, wenn es erschreckt wird? Das große Drumherum als das wahrnimmt, was es ist: ein riesiges Geschwür, mit immer mehr Neoplasien, Gewächsen. Nein, die Welt ist nicht schlecht, zumindest nicht zu mir.
Aber in drei Wochen wird gewählt, soll ein Landtag bestimmt werden. Der Wahlbenachrichtigungszettel liegt auf dem Bett. Natürlich werde ich wählen, muss ich wählen. Aber die Entscheidung, aus welchem Topf von Metastasen ich nun das scheinbar harmloseste Lymphom herausziehe, erscheint mir völlig gleich. Gestreut hat hat das Ding alle Mal.
Das dicke fette Malignom Baden-Württemberg ist vielleicht längst nicht so groß in Anbetracht des ganzen Krebses. Des schon krank zur Welt gekommenen Kindes. In Deutschland sterben jedes Jahr fast 2000 Kinder an Leukämie, Hirntumoren, Rückenmark- und Lymphknotenkrebs.
Und ich lasse mir fortan mein Studium von einer politischen Partei teilfinanzieren. Um mir ein Semester an einer Universität leisten zu können, die sich selbst für eine der elitärsten der Welt hält. Besser noch: ich werde noch mehr Geld brauchen, mich immer ein Stück weiter aus dem fahrenden Zug lehnen, anbiedern, mitmachen. Überall Tumore, überall krankes Gewebe.
Nein, die Welt ist wirklich nicht schlecht, und schon auf gar keinen Fall in Dir!
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