Wir sind sieben. Zwei Männer, fünf Frauen. Aus Indien, Singapur, Russland, China, Deutschland. Wir haben uns vor einer halben Stunde kennen gelernt. Wir sprechen vier verschiedene Sprachen am Tisch; keiner versteht alles. Gemeinsam haben wir auf allen Kontinenten der Erde gelebt. Dreißig Minuten. Und doch: wahrscheinlich sind wir spätestens nächste Woche Freunde. Nach unserer Definition. Die kein Stück schlechter ist als die der anderen. Bereits jetzt reichen Blicke, ein Nicken, man versteht sich. Es ist klar: das muss funktionieren.
Wir teilen ein Geheimnis – wir beherrschen den Abschied. Wie den Neuanfang. Wir wissen, dass „Unverbindlichkeit“ und „Freundschaft“, dass „Beziehung“ und „Einsamkeit“ zusammen gehören. Dass wir alles aufsaugen und nichts behalten. Dass Freude und Trauer manchmal das Gleiche sind. Dass man einfach gehen kann, einfach weiter, mit einem Lächeln im Gesicht. Erinnerungen verblassen, vermischen sich.
Dass wir immer aufgeben, solange aufgeben, bis es uns nichts mehr bedeutet. Für das Gute, Schöne, Neue in der Welt. Für die Erfahrungen, für das Reifen. Wie weit wollen wir reifen? Bis nach dem Zynismus? Oder bis zur Glückseligkeit? Oder bis wir herausfinden, dass beides austauschbar ist? Wie viel können wir von dem aufgeben, das uns umgibt, um noch selbst etwas von uns zu behalten? Reden wir uns schon ein, dass wir uns noch weiterentwickeln, obwohl wir doch längst dicht gemacht haben? Mit einem Kopfschütteln abgewunken. „Nein, das kenne ich schon. Been there, done that.“
Oder ist es noch all das? All das Gute, Schöne, Neue aus der Anfangszeit? Unsere Gruppe ist spannender, interessanter als die der anderen Tische. Man dreht sich nach uns um. Jeder der sieben bringt die Unterhaltung voran. Wenn nichts gesagt wird, ist man sich einig. Weiß um das Wissen des anderen. Verpassen die anderen etwas? Und vor allem: Können wir die Entscheidung auch noch treffen? Ist es schon zu spät? Wann ist es zu spät? Sind wir irgendwann Aussätzige, zu spät dran fürs Spießbürgertum, zu anders, zu schlecht anzupassen an Stabilität, Normalität, Banalität?
Nach spätestens sechs Monaten an einem Ort wird mir langweilig. San Francisco, eine der wohl buntesten und spannendsten Städte der Welt. Und mir wird bald langweilig. Ja, ich bin ein verwöhntes Balg. Schlimmer noch: Ich habe mich an das Aufgeben und Neuanfangen gewöhnt. Das ist meine, unsere Stabilität. An diesem Tisch, im italienisch-türkisch-amerikanischen Café auf der Bancroft. Bin ich noch in der Lage, das mit einem anderen Menschen zu teilen?
Bis jetzt: ein riesiges Geschenk. Ich bin dankbar, jeden Tag. Ohne Zynismus. Nichts sonst. Ich möchte dieses Leben und kann mir kein anderes vorstellen.
Aber wann wird dieses Dasein peinlich und traurig? Wann passe ich nicht mehr hinein, in die Gruppe Spießer, in die ich am Ende der Reise doch aufgenommen werden möchte? Mehr noch: Wann werden die Beziehungen, die Freundschaften, die Liebesbeziehungen, zu austauschbaren Alltäglichkeiten? Wann hat man zu viel davon aufgegeben, liegen gelassen, weg geworfen, weil man neue gefunden hat? Bemerkt man noch den Unterschied? Den Zauber der wirklichen, echten Freundschaft aus Kindertagen, des ersten aufrichtigen „Ich liebe dich“, der ersten Urlaubskarte für die beste Freundin? Keiner dieser Menschen, meiner ersten und aufrichtigen Beziehungen, war austauschbar. Und doch sind viele liegen geblieben, irgendwo auf dem Weg, meinem Weg. Dem egoistischen Weg?
Habe ich die Entscheidung überhaupt bewusst getroffen? Habe ich jemals eine Entscheidung getroffen?
Es fühlt sich doch wie Betrug an, am Strand mit Rotwein „Ich bin so dankbar, dass ich dich kennen gelernt habe.“ Und dabei kennen wir uns doch erst Monate. Ist das Freundschaft? Vergleichbar mit der ersten, der mit der Urlaubskarte von der Ostsee? Werde ich die Freundin vergessen?
Ohne die Erfahrungen wäre man nicht der Mensch, der man ist, der man sogar sein möchte. Ist es wollenswert , kaltherzig zu sein?
Ich bin ohne Abschied von so vielen weg gegangen. In zwei Wochen werde ich es wieder tun. Am Ende vielleicht doch so viel Einsicht: Den Abschied, den würde ich gern nachholen. Bewusst. In dem Wissen, zu gehen, trotz Urlaubskarte. Trotz allem, was da war.
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