Freitag, 17. Februar 2012

Erinnerungen auspacken, sortieren, zurecht rücken

Angekommen in Leben Nummer sieben. Wohngemeinschaft Nummer acht, Stadt Nummer sechs. In allem anderen wieder bei null. Dachte ich, aber nicht ganz.
Es ist zu gleichen Teilen beruhigend wie beängstigend, dass mit jedem neuen Leben, jedem neuen Umfeld, jeder neuen Aufgabe und jedem neuen Sinn sich nicht doch alle Muster neu bilden. So ist der Beginn in einer Stadt, die mir nicht gleichgültiger sein könnte, doch überraschend alltäglich, routiniert. Und auf diese Weise erstaunlich gut, da nicht weltbewegend.
Neue Mitbewohner, ein neuer Arbeitgeber, neue Kollegen und eine neue Aufgabe. Dazu: ein neuer Sinn, zum Geldverdienen und zum Leben (die Trennung wird momentan als höchstes Glück empfunden.)Dabei das höhere Ziel doch scheinbar erhalten? Vielleicht auch erst als solches erkannt. Zudem etwas modifiziert, ein Stück weit ausdifferenziert, gleichsam erstmalig dem Rationalitätstest unterzogen.

Und doch: Die Mitarbeiterin aus dem Fitnessstudio kommt aus einem Dorf in der Nähe und kann nicht begreifen, dass auf meinem Personalausweis, meinem Studentenausweis und meinem Arbeitsvertrag drei verschiedene Städte stehen. "Warum musstest du das machen?" Ein Zwang also. Ein Stück weit ein Schubser zurück in Richtung Realität: So leben Menschen. Es muss furchtbar sein, auch noch nach sieben Städten in viereinhalb Ländern.

Das neue Arbeitsumfeld macht es leicht: Keiner hat wirklich lang an einem Ort gelebt. Als Deutsche, die in Deutschland aufgewachsen ist, bin ich Exot. Auch das neue Zuhause: fünf Menschen aus fünf Ländern. Wenn das der Alltag bleiben kann, wird es beruhigen.

Was nicht beruhigt: Das dumpfe Gefühl im Magen, doch Zustände, Umgebungen, Menschen immer und immer zurückgelassen zu haben und es immer weiter zu tun. Oder das gegenseitige Zurücklassen beobachtet zu haben. Heute SMS des geliebten Londoner Mitbewohners, der seit einem halben Jahr wieder in Mexiko lebt. Ich sitze in der Bahn und lache. Um mich dann zu fragen, ob wir uns wieder sehen werden.

Optimistisch: Spielen Orte noch eine Rolle? Nach zwei Wochen in Europa, hatte ich Freunde in fünf Städten besucht. Dieses kommende Wochenende Paris, das nächste Mailand, darauf Brüssel. Der topographical turn kommt in meinem Kopf an.

Wenn ich groß bin, möchte ich tagsüber Waschmittel verkaufen und nachts eine Doktorarbeit in spatialer Theorie schreiben.

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