Denn das Maß ist nicht voll, es ist schon lang übergelaufen.
Nach tatsächlich drei Monaten Hohenhausen soviel: Ich liebe die Stadt. Ich liebe das Leben hier. Dieses Haus, diese Menschen, den Wind, der einem bei der Arbeit in der Gilde neckisch und ein bisschen provokant ins Gesicht weht.
Ich weiß nicht, wann ich in so kurzer Zeit soviel gelernt habe; vielleicht während der sechs Monate London. Dennoch ist das hier anders, ganz anders. Genauso wichtig, vielleicht wichtiger.
Doch gerade jetzt, in einer Freitag Nacht um 0.54 Uhr, während ich in einem neuen Kleid geschminkt allein in meinem Zimmer sitze, mich zuvor richtig und aufrichtig auf diesen Abend gefreut habe - ein Abschiedsumtrunk tausender Menschen auf der Straße, bei dem auch ich sehr lieb gewonnenen Menschen Adieu sagen wollte - da reicht es.
Es reicht, vom höchsten Glück, vom Springen vor zutiefst empfundener Freude so übel auf die Fresse zu fallen. Bald werde ich mir die Schneidezähne ausschlagen. Oder den Kiefer brechen beim Aufprall.
Es reicht, schlaflos wach zu liegen und den Wahnsinn am Bettrand winken zu sehen. Er winkt und grinst dort ganz hämisch, die ganze Nacht lang. Und erscheint mir momentan die einzige Konstante in meinem Leben zu sein. Um mich von diesem Zeitgenossen abzulenken, schaue ich geradeaus in die Nacht. Von meinem Hochsitz - man muss sich das ein bisschen wie den Turm des Bademeisters im Schwimmbad vorstellen - sehe ich durch das offene Fenster die ganze Hohenhausener Nacht erleuchtet vor mir. Jede Nacht das gleiche Spiel. Gestern zwei polnische Männer. Nachdem sie sich bis drei Uhr morgens angeschrien hatten und ich mich bereits gefragt hatte, warum ich überhaupt ins Bett gegangen war, holte der eine ein Taschenmesser raus und ging auf den anderen los. Zwei Nächte zuvor Jugendliche auf Fahrrädern mit Backsteinen in den Fahrradkörben. Es klirrte fast schon melodisch als sie konsequent alle Fenster der gegenüberliegenden Schule einschmissen.
Natürlich ist meine geliebte Straße wirkliches pars-pro-toto für die gesamte Stadt: auf dem nächtlichen Nachhauseweg wird man konsequent verfolgt (nebst im Sekundentakt angehupt und angeschrien); tagsüber wird man im Park von Achtjährigen belästigt, die einem das Telefon stehlen wollen. Die Xenophobie wird mir bald zur tatsächlichen Herausforderung, handelt es sich (mit Ausnahme der beiden Polen) doch konsequent um Marokkaner.
Nichts davon überrascht mehr, nichts verwundert. Es nervt nur einfach. Ähnlich wie der Alkohol, das ständige 'Netzwerken' (=Gammeln) auf der Straße, selbst die Uniformität des Unberechenbaren. Der nächste Dödel, der mir von seinem Praktikum bei diesem oder jenem Hutmacher, bei der Hutbehörde oder beim Stoffkontrollzentrum erzählt - ich glaube, dem muss ich leider ins Gesicht spucken.
Genau wie dem stetigen Wandel, dem ewig Ungewissen, dem per-se Veränderlichen. Dem cambio, der transformation, dem change. Der Sommer wird genau davon nur noch mehr bringen. Jeden Tag an einem anderen Ort aufwachen, jeden Tag ein bisschen ein anderes Leben durchspielen - darauf freue ich mich dennoch gerade über die Maßen. Denn es lenkt ab, gaukelt ein Stück Normalität vor. Jeden Tag eine andere, aber besser als keine.
Zuallererst: Deutschland, Deutschland über alles. Albern mag das klingen (und natürlich nazistisch), da ich mich in einem direkt angrenzenden Nachbarland befinde. Doch im Zentrum von Europa sehe ich gerade nicht viel europäisches; ich bin müde und möchte ein Stück Heimat (hier: Heimat als Ort der Tradition und des Beständigen, d.h. Freunde und Familie), dann ein Stück Vergangenheit, dann ein Stück Neugierde mit guten Hohenhausenern in Portugal. Dazwischen: ein beständig bis an die Schädeldecke pulsierendes Hirn.
Ich freue mich auf diesen wirren, vollen und sicher aufschlussreichen August. Auch auf den September danach. Wenn die Stadt und ich den letzten Frieden schließen und ich mich, in welcher Form auch immer, verabschiede. Und wieder von vorn anfange. Ganz anders, ganz neu, ganz allein (wichtig!) und hoffentlich ein ganz klein bisschen gelassener. Die Gelassenheit als höchste Tugend; oder eher: Aufrichtigkeit, Menschlichkeit und Gelassenheit als mein Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Jetzt: 1:30 Uhr, der Umtrunk ist mittlerweile vorbei. Jedoch die Information, man zöge zur nächsten Karaoke-Bar weiter. Nun gut, Ablenkung ist der erste Schritt in Richtung Gelassenheit.