Mittwoch, 1. September 2010

My shoulders are heavy from the weight of us both

















An Truffaut hat mir immer genau das so sehr gefallen: Viel Hingabe, wenig Aufgabe. Immer Zwei (oft auch Drei) statt Eins. Und dann mit dem Auto in den Fluss.
Aus anthropologischer Sicht nicht gerade erfolgsversprechend. Und jetzt gerade, da könnte was dran sein (sowohl Geertz als auch Lévi-Strauss waren ihr ganzes Leben lang - letzterer zwar zweifach - verheiratet!). Schwere Schultern zeugen von Verantwortung, von Pflicht. Vom nächsten Schritt.

Dienstag, 10. August 2010

Regen und Segen

Vor einer Stunde wieder angekommen in meiner Lieblingskammer. Ich dachte ich würde ein bisschen die Nase rümpfen, ein bisschen schimpfen über: schreiende Marokkaner, versiffte und neuerdings auch ausgestorbene Straßen. Besonders über: den Dunst in diesem Haus, über nicht mal genug Platz, um den Rucksack abzustellen, über Dauer-Niesel-Regen-Grau-Blick aus dem geöffneten Fenster. Aber nein. Schön ist es hier gerade, alles so, wie ichs verlassen hab und an guten Tag ja auch mag und schätze.
Auch: nach den letzten zwei Wochen ein kleines Stückchen Ankommen, zumindest ein Verschnaufen. Und die gruselige Erkenntnis: zu Hause ist tatsächlich überall, sofern da gute Menschen sind. Roitzsch, Leipzig, Dresden und London sind demnach ganz sehr zu Hause, sind heimelig und gut. Auch Orte, an denen ich nie zuvor gewesen war kriegen durch einen lieben Menschen bereits ein saftiges Stück Bedeutung ab.
Und bringen in Kombination mit Schlafmangel sich wunderbar gut anfühlende Gelassenheit. Ein bisschen war das wie zwischen den Leben springen: zurück zu meinen herzensguten Dresdnern, zu Kochabenden mit zehn Gängen, zurück zu Kopf, Kunst und Kultur und damit vielleicht ein Stückchen zu mir. Dann Leipzig, CROWD, perfekte Momente für Stunden und Tage. Kurz und beim Abschied mit einer Träne im Auge, dennoch die stete Gewissheit um das Immerdar, das auf Immer und Ewig, der Einzigartigkeit. Dann die lieben Eltern, noch viel kürzer. Dafür: das Einsehen, dass Familie mit steigendem Alter immer besser wird.

Zu guter Letzt: mein geliebtes, gutes Albion. Das Aussteigen aus dem schnöden Flugzeug, Einatmen und: da. endlich. zu Hause, angekommen, zufrieden, glücklich. Auf dem Weg zur Wohnung noch beim Lieblings-Mafiosi-Iraner drei Liter Milch gekauft, dann direkt in die Arme der besten Mitbewohnerin der Welt geflogen. Ein Jahr lang nicht gesehen und doch besteht kein Zweifel, dass ich keine Sekunde lang weg gewesen bin. Einige der alten Freunde sind weiter gezogen, wie ich. Ein tapferes Schlucken und dann aufrichtige Freude um die Dagebliebenen, mir liebsten und tatsächlichen wahren Freunde. Wenn man nachts lachend durch Shoreditch läuft, über trunkene Briten steigend und minütlich auf bekannte Gesichter treffend, die sich euphorisch der Gruppe anschließen - dann ist tatsächlich alles gut, alles wie immer, so und nicht anders.
Um drei Uhr nachts muss man dann wehmütig den Heimweg antreten - der Flieger geht um 5.30 in der Früh. Eine letzte Fressorgie in der Küche, dann stumme Umarmungen, die sich minutenlang wiederholen. Beim Heruntersteigen der Treppen, auf dem Weg zur Bushaltestelle, im Flugzeug und...eigentlich bis jetzt: das klamme Gefühl, dass zu Hause zwar an den guten Menschen hängt. In dieser guten Stadt. Beides aber im Gegensatz zu CROWD endlich ist, nicht ewig so bestehen wird. Drei Mal habe ich mich jetzt nachts in Hackney verabschiedet. Drei Mal war klar, dass ich ein Stück da gelassen hab, in diesem 7qm Zimmer in der Sozialwohnung in Ostlondon. Und doch zumindest: gleichzeitig die Gewissheit, einen Teil mitgenommen zu haben. Von diesen wunderbaren Menschen.

Und jetzt gerade: wieder die Kammer. Zunächst nur für eine Woche, dann: zwei Wochen Südosteuropa, tatsächlich fast jeden Tag eine neue Stadt in einem neuen Land. Glück, Freude, Zufriedenheit und auch die Gelassenheit, alles gerade da. Der Kopfschmerz vom Wahnsinn hat dem diesigen, matschigen Gefühl im Kopf vom Schlafmangel Platz gemacht. Wohlig, selig, glücklich; da, wo ich hin will, ist wieder sichtbar, ist vielleicht noch ein bisschen nebelig und verschwommen. Trotzdem: back on the track.

Samstag, 24. Juli 2010

Alles schwimmt

Denn das Maß ist nicht voll, es ist schon lang übergelaufen.
Nach tatsächlich drei Monaten Hohenhausen soviel: Ich liebe die Stadt. Ich liebe das Leben hier. Dieses Haus, diese Menschen, den Wind, der einem bei der Arbeit in der Gilde neckisch und ein bisschen provokant ins Gesicht weht.

Ich weiß nicht, wann ich in so kurzer Zeit soviel gelernt habe; vielleicht während der sechs Monate London. Dennoch ist das hier anders, ganz anders. Genauso wichtig, vielleicht wichtiger.
Doch gerade jetzt, in einer Freitag Nacht um 0.54 Uhr, während ich in einem neuen Kleid geschminkt allein in meinem Zimmer sitze, mich zuvor richtig und aufrichtig auf diesen Abend gefreut habe - ein Abschiedsumtrunk tausender Menschen auf der Straße, bei dem auch ich sehr lieb gewonnenen Menschen Adieu sagen wollte - da reicht es.
Es reicht, vom höchsten Glück, vom Springen vor zutiefst empfundener Freude so übel auf die Fresse zu fallen. Bald werde ich mir die Schneidezähne ausschlagen. Oder den Kiefer brechen beim Aufprall.
Es reicht, schlaflos wach zu liegen und den Wahnsinn am Bettrand winken zu sehen. Er winkt und grinst dort ganz hämisch, die ganze Nacht lang. Und erscheint mir momentan die einzige Konstante in meinem Leben zu sein. Um mich von diesem Zeitgenossen abzulenken, schaue ich geradeaus in die Nacht. Von meinem Hochsitz - man muss sich das ein bisschen wie den Turm des Bademeisters im Schwimmbad vorstellen - sehe ich durch das offene Fenster die ganze Hohenhausener Nacht erleuchtet vor mir. Jede Nacht das gleiche Spiel. Gestern zwei polnische Männer. Nachdem sie sich bis drei Uhr morgens angeschrien hatten und ich mich bereits gefragt hatte, warum ich überhaupt ins Bett gegangen war, holte der eine ein Taschenmesser raus und ging auf den anderen los. Zwei Nächte zuvor Jugendliche auf Fahrrädern mit Backsteinen in den Fahrradkörben. Es klirrte fast schon melodisch als sie konsequent alle Fenster der gegenüberliegenden Schule einschmissen.
Natürlich ist meine geliebte Straße wirkliches pars-pro-toto für die gesamte Stadt: auf dem nächtlichen Nachhauseweg wird man konsequent verfolgt (nebst im Sekundentakt angehupt und angeschrien); tagsüber wird man im Park von Achtjährigen belästigt, die einem das Telefon stehlen wollen. Die Xenophobie wird mir bald zur tatsächlichen Herausforderung, handelt es sich (mit Ausnahme der beiden Polen) doch konsequent um Marokkaner.
Nichts davon überrascht mehr, nichts verwundert. Es nervt nur einfach. Ähnlich wie der Alkohol, das ständige 'Netzwerken' (=Gammeln) auf der Straße, selbst die Uniformität des Unberechenbaren. Der nächste Dödel, der mir von seinem Praktikum bei diesem oder jenem Hutmacher, bei der Hutbehörde oder beim Stoffkontrollzentrum erzählt - ich glaube, dem muss ich leider ins Gesicht spucken.
Genau wie dem stetigen Wandel, dem ewig Ungewissen, dem per-se Veränderlichen. Dem cambio, der transformation, dem change. Der Sommer wird genau davon nur noch mehr bringen. Jeden Tag an einem anderen Ort aufwachen, jeden Tag ein bisschen ein anderes Leben durchspielen - darauf freue ich mich dennoch gerade über die Maßen. Denn es lenkt ab, gaukelt ein Stück Normalität vor. Jeden Tag eine andere, aber besser als keine.
Zuallererst: Deutschland, Deutschland über alles. Albern mag das klingen (und natürlich nazistisch), da ich mich in einem direkt angrenzenden Nachbarland befinde. Doch im Zentrum von Europa sehe ich gerade nicht viel europäisches; ich bin müde und möchte ein Stück Heimat (hier: Heimat als Ort der Tradition und des Beständigen, d.h. Freunde und Familie), dann ein Stück Vergangenheit, dann ein Stück Neugierde mit guten Hohenhausenern in Portugal. Dazwischen: ein beständig bis an die Schädeldecke pulsierendes Hirn.
Ich freue mich auf diesen wirren, vollen und sicher aufschlussreichen August. Auch auf den September danach. Wenn die Stadt und ich den letzten Frieden schließen und ich mich, in welcher Form auch immer, verabschiede. Und wieder von vorn anfange. Ganz anders, ganz neu, ganz allein (wichtig!) und hoffentlich ein ganz klein bisschen gelassener. Die Gelassenheit als höchste Tugend; oder eher: Aufrichtigkeit, Menschlichkeit und Gelassenheit als mein Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Jetzt: 1:30 Uhr, der Umtrunk ist mittlerweile vorbei. Jedoch die Information, man zöge zur nächsten Karaoke-Bar weiter. Nun gut, Ablenkung ist der erste Schritt in Richtung Gelassenheit.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Glycerol-Insel

„No entiendo nada. Es como toda mi vida cambia. Cada día.”

“A veces creo que es la ciudad que decide todo. Yo no puedo hacer nada.”

“Ay, que hacemos…”

“Vamos a esperar al cambio.”

Die Gespräche im Waschsalon sind mir doch die liebsten. Egal, über was da gesprochen wird – man versteht sich; die Insel verbindet.
Da kann der marokkanische Mitbewohner betrunken auf arabisch schimpfen, die ecuadorianische Partybekanntschaft einem beim Aufs-Dach-Klettern die privatesten Details vor die Füße kotzen oder die Lieblingsspanierin einem beim Wäschezusammenlegen nur einen Blick zuwerfen – man versteht sich. Vielleicht nicht alles, manchmal – eher oft – versteht man nicht mal die einzelnen Worte der vielen Sprachen, die einem an den Kopf gepustet werden. Aber das Gefühl um die Magengegend ist ja doch immer das Gleiche. Gestern brachte es ein mir sehr lieber Mensch auf den Punkt: „Nun…’Sag niemals nie.’ Ich denke das ist das Wichtigste, was wir in den letzten Monaten gelernt haben.“ Ein bescheuerter Satz, aber Recht hast du, Keule. Diese Hutmacherstadt nimmt sich jeden Tag aufs Neue ein Stück Welt, ein Stück Realität. Und dreht es einmal so lange im Kreis, bis es sich selbst ins Absurde verkehrt. Jegliche Bedeutung verliert. Bis man sich fragt, was dieses oder jenes überhaupt je bedeutet hat für einen selbst. Menschen, Werte, Vorstellungen werden nicht egal, aber sie verändern sich. Und wie die liebe Mitbewohnerin im Waschsalon feststellte, ändern sie sich manchmal jeden Tag. Ohne, dass man es merkt, findet man das eigene Leben ganz schnell ganz anders.
„Das hätte ich ja nie von dir gedacht.“ „Ja, ich auch nicht. Komisch, hm?“ Vielleicht sollte jeder eine Weile auf einer Insel leben und sich selbst neu kennen lernen. Ich denke man sieht die Welt danach um einiges entspannter.

Zwischenzeitlich dachte ich, man verbringe hier den Großteil der Zeit damit, sich das Hirn weg zu saufen. Dem ist wahrscheinlich auch so. Aber der Teil an Hirn, der bleibt, scheint mir ein guter Teil zu sein. (Sterben vom Kopf-gegen-die-Wand schlagen mehr Hirnzellen als vom Trinken?)
Ein Teil der Meute verlässt den Tempel und die gesamte Hutmachergemeinde mit ein paar blauen Flecken, andere gehen völlig vernarbt, der Rest bleibt und lernt mit diesem Zirkus irgendwie zu leben. Manchmal fragen wir uns, ob wir das könnten. Numero uno hat sich bereits entschieden, lebt seit zwei Jahren hier. Die nächste hat sich gestern entschlossen, sie möchte bleiben, Vertrag verlängert. Und ein Dritter will es noch mal versuchen, schauen, ob er es mit den Affen und den Schweinen aushält; er liebe den Zirkus ja doch sehr. Das tun die Meisten, ich auch. An Tagen, an denen sowohl der Kopf als auch die Wand (seit gestern eher die Holztür, weniger schmerzhaft) heil bleibt. Dann hüpft man als Endorphin-Dopamin-Bombe über von Kotze und Obdachlosen gesäumte Bürgersteige, fährt mit sieben anderen in einem Ford Fiesta durch die Hohenhausener Nacht (warum bin ich immer der Dödel, der seinen Kopf aus dem Schiebedach halten muss und beim Bremsen jedes Mal Todesängste ausstehen muss?) und ist überzeugt vom „Wer-wenn-nicht-wir“. LIEBT diese Arbeit, das Gefühl von wichtig, gut und richtig abends beim Einschlafen.

Man sieht das Glück in Reinform; das ist ein Luxus, den sich erwachsene Menschen selten leisten können (tatsächlich erscheint diese Stadt manchmal als Erasmus für Erwachsene). Der Luxus ist der Egoismus, dem hier jeder so anhängt, der so wichtig und richtig ist. Eingetauscht wird das gegen: Sicherheit, Stabilität und: eine Perspektive. Die hat hier tatsächlich so gut wie keiner, auch nie gehabt. Der Holzhammer kann einem jeden Morgen nach dem Aufstehen auf den Kopf rumsen und die Schädeldecke zermatschen. (Das neuerdings Pathologische in meinen Beschreibungen ist unbeabsichtigt.) Sicherlich ist diese Dreieinigkeit im Europa des 21. Jahrhunderts sowieso längst Utopie geworden. Aber in Hohenhausen ist nicht mal mehr ein Überrest dieser (bürgerlichen?) Werte zu finden. Keiner scheint hier mehr danach zu suchen; sie gelten als tot und bereits begraben. Und werden trotzdem von allen vermisst.
Die Konsequenz ist dann meist: kaum tiefe Freundschaften, keine Beziehung, niemals Familie. Drei Dinge, die auf meiner Lebensliste an vorderster Stelle stehen. Aber seit letzter Woche halte ich mich dann doch lieber an die weisen Worte des jungen Mannes: „Sag niemals nie.“ Und warte ab.

Mittwoch, 14. Juli 2010

Der Kopf und der Rest

Ich bin ein Kopfmensch. Das denke ich wirklich. Alle großen Entscheidungen in meinem Leben habe ich bisher mit dem Hirn getroffen. Ich denke es hat einfach viel mehr Kompetenzen als das schnöde Herz oder der stark überbewertete Bauch.
Jedes Mal, wenn ich letzteren Organen Entscheidungsgewalt zuwies, ging das daneben. Die Konsequenzen irrationaler Gefühls- und Gemütsduselei habe ich tatsächlich meistens bereut. Und doch ist man ohne Herz kein ganzer Mensch, muss einfach auch Dinge bereuen. Das stärkt den Charakter, bringt Lebenserfahrung und Weisheit.
Und Narben. Die können geradezu heldenhaft wirken; man kann sie stolz präsentieren und damit zeigen, was man schon alles so durch hat im eigenen Leben. Sie können aber auch furchtbar groß und hässlich sein. Und vielleicht nie richtig verheilen. Widerwärtige Charaktereigenschaften überhaupt erst entstehen lassen. Missgunst, Eifersucht, Intoleranz und den guten alten Pessimismus – die können alle mit einer einzigen großen Narbe daherkommen. Ist es dann trotzdem gut, die Erfahrung gemacht zu haben? Was wenn der Besitz der Narbe so abbrüht, dass ein Stück vom Selbst dem hässlichen Mal Platz macht? Und das Hirn dann keinen Einfluss mehr hat, nicht mehr mitmischen kann bei den großen Entscheidungen.

Was ist überhaupt eine gute Glücklich-und-Zufrieden-Quote für ein Menschenleben? Wie viel Schmerz und Leid wird überhaupt erst einmal benötigt, um das Glück zu erkennen? Und dann festzuhalten. Und welche Narben sind schlimmer: die selbst verschuldeten oder die, die man so gern Schicksal nennt?
Weder in der Situation noch im Rückblick kann man das richtige Maß erkennen: Während man den Kopf noch gegen die Wand schlägt und vor Verzweiflung oder Trauer schreit, erscheint das Maß an Leid nicht zu halten; zu viel für ein Menschenleben. Jahre später verklärt man oft; sieht den Abgrund nicht mehr, an dem man stand. „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Ein Stückchen zumindest. Ein mindestens genauso großes Stück von diesem Binsenweisheitskuchen bringt aber emotionale Kälte und die Unfähigkeit, anderen Menschen zu vertrauen.
Den lieben guten Peter Handke lobe ich mir genau deshalb so sehr: Als das Kind Kind war, da wusste es nämlich von all dieser Scheiße noch nichts. Hat gelacht und geschrieen ohne je die Konsequenzen dafür tragen zu müssen. Wenn ich heute Kind bin – und ich gebe mir die größte Mühe, ein regelmäßiges Kindsein fest in meinen Alltag zu integrieren – dann bekomme ich doch in fast genauso regelmäßigen Abständen die Quittung dafür.

Wenn ich jetzt in den Spiegel schaue, dann klafft da gerade noch eine ziemlich miese Wunde, ganz frisch. Man kann bis zum Knochen schauen, geradezu faszinierend. Ich bin gespannt: das wird eine ordentliche Narbe ergeben. So eine, die ich mein ganzes Leben mit mir rumtragen kann. Die ich aber keinem zeigen werde. Mir nur ab und an im Spiegel anschauen werde, um mich an die einzige große Herz-Bauch-Scheiße-Entscheidung meines jungen Lebens zu erinnern. Ich möchte dann verschmitzt grinsen und mir sagen: das hat sich gelohnt, ich hab gelebt und ich hab es geliebt, was mich da so zugerichtet hat. Ich will mit 85 noch sagen können, dass ich es nicht mal bereue. Es immer wieder tun würde. Es trotz der Konsequenzen richtig und gut war. Für mich in der Phase meines Lebens etwas gebracht hat. Vielleicht gibt es keine allgemeine Glück-Unglück-Quote für jeden. Das Maß an Glück, was diesem Krater an meinem Körper voraus gegangen ist, war jedenfalls so groß, dass es Unglück und Leid ein ganzes Stück weit aufwiegen kann.
Vielleicht sind dafür auch die Narben gut: dass man sich an das erinnert, was da passiert ist. Sie aber nicht als Mahnmal für Fehlverhalten oder Dummheit versteht, sondern als kleine Meilensteine, manchmal auch Hinweisschilder, für diesen langen Weg, den man über die Jahre so geht. Ich möchte meinen Knochensplitterblick und das spätere Mal nie vergessen. Ich möchte aber auch immer sagen können: ich bereue vielleicht manche Sicht auf die Dinge, manche Herangehensweise an das Neue, aber die Narbe, die am Ende bei rum kam, die würde ich mir genauso noch mal holen. Den Kopf noch mal mit einhundert Prozent gegen die Wand schlagen. Und den Schmerz danach wichtig finden.

Freitag, 25. Juni 2010

How to become a successful lobbyist

Der Titel einer zweistündigen Veranstaltung für Praktikanten gestern. Man mag fragen, warum ich dahin gegangen bin. Neugierde, tatsächlich. Denn obwohl ich in Hohenhausen mittlerweile ganz gut angekommen, geradezu heimisch geworden bin, wird es doch nie meine Heimat werden (man sieht: die Frage bleibt). Will sagen: ich bin immer noch nicht eine von denen. Die fleißig jedes Wort mitschreiben, das der Executive Director for Governmental Affairs sagt. "Go to the parties at the embassies. Try to talk to as many people as possible, but never for more than two minutes. Otherwise you might miss someone really important." In einem proppevollen Ausschusssaal, also mit ungefähr 200 Praktikanten, bin ich die einzige, die dann ein bisschen kichern muss. Alle andern sind furchtbar dankbar für die Ratschläge des Profis.
Gab es nicht mal eine Zeit - es muss schon lange her sein - in der man sich wenigstens noch dafür geschämt hat, Lobbyist zu sein? Heute berichten die Lackaffen mit stolz geschwellter Brust, der Begriff käme von der Hotellobby (soweit stimmt das auch), in der sich früher nur die wichtigsten, besten, tollsten Arschlöcher mit dem amerikanischen Präsidenten treffen durften. Hm, na gut. Natürlich ist das alles wichtig, Interessenvertretung, Leute für die eigene Sache beschwatzen, Einfluss auf Politiker, um Vorhaben umzusetzen. Alles Teil einer lebendigen Demokratie, d'accord. Solange man an was glaubt, ein wirkliches Ziel verfolgt, vielleicht sogar ein Stück weit für eine Sache lebt.
Die 200 Praktikanten aber wollen lediglich irgendwie irgendwo rein ins Lobbying, egal wofür. Das weiß ich, weil die das tatsächlich alle sagen. Ohne sich zu schämen. Und ohne Selbsteinsatz. Die vertretenen Interessen sind so gut wie nie die eigenen. DOW oder Statoil stehen dann auf Platz 1 der Wunschkarrieren. Argumente wie Pestizidweltmeister oder Korruptionsaffären in Verbindugn mit dem Irakkrieg rufen nur große Augen und Unverständnis hervor. Beim Mittagessen kann man dann wenigstens wieder klarmachen, dass Milliardenstrafen für BP völlig gerechtfertigt wären. Denn seltsamerweise will man beim smalltalk dennoch moralisch integer erscheinen. Dann große Augen und Unverständnis auf meiner Seite. Aus mir wird nie ein richtiger Hutmacher. Ob ich einer werden will, ist eine andere Frage; jedenfalls wird mir jede Chance darauf verwehrt.
Natürlich habe ich mich nach zwei Monaten Hutmachergilde an vieles gewöhnt, kann viele Spiele mitspielen, denn ich habe die Regeln gelernt. Und doch kann ich den Vorsprung der anderen Spieler nicht einholen, nie. Allesamt kommen die aus dem Hutmachertal, haben bereits als Kinder neidisch auf alles geschaut, das mit den Hüten auf dem Berg zu tun hatte. Haben statt "Ronja Räubertochter" "Europa in 12 Lektionen" gelesen. Ganz früh die richtigen Vokabeln gelernt: Innovation, Nachhaltigkeit, Kohäsion. Persönlichkeit, Reflektion, Kritik standen aber nicht im Lehrbuch.
Man kann mir wieder grenzenlosen, in die Destruktivität abgleitenden Pessimismus vorwerfen, aber: Diese 200 Praktikanten werden es schaffen. Europäische Kommission, CEOs, Public Affairs Agents, einige vielleicht auch Politiker.
Circa dreißig Prozent der Praktikanten der EU-Institutionen werden später Lobbyisten, zehn Prozent werden führende Interessenvertreter, die Macher der Politik von morgen, so der Executive Director. Glitzernde Äuglein der noch hutlosen 200 Praktikantenköpfe. Ich schlucke nur.

Montag, 14. Juni 2010

Wie die Mistkäfer auf einem Haufen Dreck

So beschrieb letzte Woche, im Rahmen einer Podiumsdiskussion, ein namhafter polnischer Autor Europa. Bezeichnend: der angekündigte Moderator der Veranstaltung fehlte. Es war der Chefredakteur vom Deutschlandfunk, der in Deutschland gerade seinen hutlosen Kopf hinhielt.
Das Interessante an der Mistkäfer-Theorie: Die Käfer bilden eine Gruppe, arbeiten zusammen. Helfen einander, wenn einer gerade auf dem Rücken liegt. Und können dennoch Individuum sein, genau soviel Dreck tragen, wie sie gerade brauchen.
Hm. Aber das Individuum ist weder Weg noch Ziel (Kant dachte dabei ganz sicher nicht an einen föderalistischen Hutverband. Eher an den westfälischen Frieden, dessen Bedeutung für die Hüte von heute mir verschwindend gering erscheint). Das Individuum ist ein egoistisches Arschloch, dem die Gruppe mal ordentlich die Hutkrempe runter rutschen kann. Natürlich ist die Sache komplexer, vielschichtiger, allumfassund und überhaupt nie und nimmer in einem Menschenleben zu beantworten.
Dennoch: eine differenzierte Betrachtung dieses Europas, dieser vereinten Hutkultur, lässt wenig Platz für Optimismus. Viel eher: ein bisschen mehr Pessimismus würde uns gut tun. Dieses friedliche Nebeneinander ist schon viel zu fest und steif geworden, als könnte es keiner mehr umschubsen. Als wäre dieses Europa ein Nationalstaat, der schon immer bestanden habe. Fein, aber auch jahrtausendealte, gewachsene und gefestigte Staaten führen Bürgerkriege. Zerbrechen. Formen sich neu. Das letzte Mal in großem Stil vor 65 Jahren. Vielleicht müssen sich Hutmacher, Hutkäufer und Hutskeptiker erst der Tatsache gewahr werden, dass sechs Jahrzehnte Selbstbestimmung und Frieden nicht selbstverständlich sind. Und gleichzeitig noch nicht lang genug Bestand haben, um irgendeinen Teil dieses Konstrukts als gefestigt oder gar stark zu betrachten.
Dazu noch die Generationenfrage. Der italienische Gesprächspartner – weltberühmter Essayist und Kolumnist – legte recht überzeugend dar, dass die intellektuelle wie auch emotionale Barriere zwischen den Generationen mit den Jahren gewachsen ist. Sind wir also heute noch ignoranter und ungebildeter als die Generationen unserer Eltern und Großeltern? Sind nicht sowohl Arbeiter wie auch Bürgertum wie die Schafe in den Ersten Weltkrieg gelaufen? Haben den Begriff „Individuum“ gar nicht als Teil Ihres Wortschatzes begriffen. Ihre Kinder demnach auch prompt als Teil des Höheren – der Gemeinschaft – erzogen. Ein neuer Haufen Schafe, das Erbe der Eltern blindlings antretend, hinter dem nächsten Kaiser/Führer/Leithammel hinterher marschierend. Und heute? Scheint die Herde keinen mehr zu interessieren. Grast jedes Schaf für sich allein. Individuum. Ist das einzelne Schaf nun weniger dumm, faul und ignorant?

Ich drehe mich hier sicher im Kreis mit dieser Schlaumeierei um das Schlechte im Menschen. Ernst ist es mir trotzdem. Denn: ich mag wirklich nicht mehr recht glauben an dieses Europa. Auch an ein anderes nicht. Ich weiß, dass wir es brauchen, auch zu tief drin stecken, um links und rechts überhaupt noch wahrzunehmen, geschweige denn, als Alternativen zu erkennen. Sicher verfinstert die Situation in dieser französisch-niederländischen Enklave meine Sichtweise noch. Belgique, c’est pas un pays, c’est un problème. Und doch: was Belgien im Kleinen, das ist Europa im Großen. Nicht in jeder Hinsicht, aber zu einem erschreckend großen Teil. Immer dann, wenn es dem einzelnen an den Kragen geht, nämlich. So wie den Belgiern seit der Gründung ihres Staates. Gestern haben die Sozialisten übrigens die Wahl gewonnen. Interessieren tut das keinen. Fast wie die Sache mit diesem Europa.