Donnerstag, 9. September 2010

The dark Roman wine in my bloodstream

Der sorgt für Wärme und Behaglichkeit, für gerötete Wangen, ein bisschen für Zufriedenheit. Jetzt gerade auch für Kraft, für ganz viel Gewissheit um die Möglichkeiten.
Denn beim Zusammensitzen mit den drei verbleibenden lieben Menschen wird gerade klar: Die Entscheidungskompetenz liegt doch mehr bei jedem Einzelnen als man (spezieller: ich) so manches Mal wahrhaben möchte. Sicher, da muss man differenzieren, eingrenzen. Es gibt die böse Genetik, die (von mir gern als Totschlagargument missbraucht und momentan ja gerade in aller Munde) Stärke und Schwäche nicht immer ganz gerecht verteilt. Und es gibt das Leben, das Schicksal oder wie man Glück und Leid sonst zusammenfassen mag.
Und dann gibt es aber die Möglichkeit, die gibt es für jeden. Die bleibt einem lange erhalten, kommt zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben immer mal wieder. In unterschiedlicher Ausprägung, manchmal gar nur als schlechter Witz. Aber bis sie ganz fern bleibt, da muss der Betreffende ihr schon ordentlich vor die Füße spucken, zimperlich ist sie nämlich ganz bestimmt nicht.
So haben - beim Lunzen um den kleinen Tisch herum - wir alle vier sogar mehrere Möglichkeiten. Sie sind nicht bei jedem gleich verteilt, aber keiner geht leer aus. Umso mehr verärgert es mich, wenn einer die Möglichkeit ignoriert, die da laut an die Zimmertüre pocht. Aus Feigheit, aus Schwäche, aus Scheiße (der Rotwein erhitzt nicht nur die Wangen, sondern auch das Gemüt).

For the self, for the heat, for no reason.

Veränderung ist gut, meistens jedenfalls. Stagnation ist zumindest immer und prinzipiell schlecht. Und wenn sie mit Unvernunft und Leichtsinn einhergeht, dann nützen auch gute Freunde nichts mehr. Kein "du sollst", nur noch "du musst" vom Kreise der Freunde. Ein müdes Nicken, den Fatalismus mit Löffeln gefressen.
Stets Bewunderung, stilles Glück um das Kennen der Freundin empfunden. Das bleibt auch, ist schon als Konstante gespeichert. In den letzten Tagen und Wochen aber immer mehr auch: Sorge, Angst und Ärger für die Betreffende. Wann gibt es denn ein tatsächliches Zu-Spät? Ist da ein greifbarer Zeitpunkt, eine Lebensphase, im konkreten Fall gar ein organischer Zustand, der das Urteil fällt? Kann das Leben dann für einen entscheiden, den Betreffenden entmündigen?

I can't help but thinking that the day hasn't shown all his cards.

Vorgeworfen wird mir kindliche Naivität, wenn ich alle Urteile bestreite und an der Möglichkeit der Möglichkeit festhalte. Auch das eigene Glück wird mir vor Augen geführt: "That's why I admire you. In the end you always get what you want." In the end, aha.

So glaube ich doch tatsächlich, dass nichts vorbei ist, solange das Herz noch schlägt und der Kopf noch arbeitet. Schwerer wird es, ganz sicher. Und der Möglichkeitenkatalog kann ganz schnell auf Menü A oder B zusammenschrumpfen. Dann besteht aber immer noch die Möglichkeit. Zur Entscheidung.

Picking out all the stars that we like.

Ein Kuss auf die Stirn. „Der Wind steht gut, es ist nicht zu spät.“ Traurig gehe ich zu Bett; es ist zumindest so spät, dass wir lange in die ganz schön schwarze Nacht hinausgeschaut haben. Danke für die Stunden. Für jeden Moment zusammen. Möchte ich sagen, traue mich aber nicht. Denn das zeigt ja doch wieder, wie spät es schon ist. „Let’s not retrace any of it.“ Sage ich stattdessen. In der Gewissheit um den festen, unverwüstlichen Platz, den dieser besondere Mensch in meinem Leben hat und haben wird. In zwei Wochen wird die gemeinsame Zeit, das stete Beieinander jäh beendet. Ganz genau schaue ich mir ihr Gesicht in diesen Tagen an: diese manchmal ziemlich dreiste Fratze, die fremde Männer nachts auf der Straße anschreit, diese riesigen, eigentlich verdammt alten Augen, die trotz des Gesehenen seit dreißig Jahren Kinderaugen sind.

You smile as you pass me that night. As if it were too fragile to hold.

Meine liebe gute Mutter sagte früher immer, das Leben passiere eben manchmal einfach, da könne man dann gar nichts dagegen machen. Ja, liebe Maman, aber das Leben muss man sich nicht immer gefallen lassen. Die Möglichkeit, die kommt am Ende doch. Für jeden. „You know, you don’t have to die from a heart attack if you don’t want to.“ Das erscheint mir gerade als der intelligenteste Satz der letzten Monate.

Donnerstag, 2. September 2010

Optimismus

Ganz selten trägt es sich doch tatsächlich so zu: Ganz ganz selten, da mag ich los laufen und mir einen Hut kaufen. Um ihn am nächsten Tag ganz stolz auf der Straße zu tragen. So wie heute.



Kommentar Elmar Brok MdEP
FOCUS - ursprüngliche Version


Europa ist kein Ort für Verschwörungen -
Eine Replik an Frederick Forsyth

Von Elmar Brok MdEP

"Europa als Verschwörung, die EU als Totengräberin der Demokratie - dieses düstere Bild zeichnete vergangene Woche an dieser Stelle der britische Romanautor Frederick Forsyth. Verbunden mit der Aufforderung an Deutschland "wieder aufzustehen", präsentierte Forsyth den EU-Gründervater Jean Monnet als diabolischen Spiritus Rector und Europas Institutionen als Hort einer dunklen Macht, die nichts mehr wünscht als dem Bürger jegliche politische Mitsprache zu entziehen.
Nun lassen sich Forsyths Ausführungen leicht als die blühende Phantasie eines lebensfernen Romanschreibers abtun, dessen Geschichten ihre eigene Realität entfaltet haben. Die Entscheider im realen Brüssel sind wohl kaum gleichzusetzen mit den Weltverschwörern, Gangstern und sonstigen Finsterlingen aus den "Tagen des Schakals" oder der "Akte Odessa".
Forsyth lebt in der Vergangenheit und versucht sich als großer Verführer der Deutschen. Dabei sind es die Mitgliedstaaten, die der EU ihre Kompetenzen verleihen - und notfalls wieder entziehen können. Die EU ist deshalb kein Empire, und Brüssel nicht das imperialistische London, allein schon weil jedes Land die EU durch eigene Entscheidung verlassen kann. Die Träger von Europas Souveränität sind die Nationalstaaten und mit ihnen die Regierungen und Parlamente in den einzelnen Hauptstädten.
Die EU-Kommission kommt nur nach Zustimmung der Regierungen und dem vom Volk gewählten Europäischen Parlament ins Amt, hat also eine doppelte demokratische Legitimation, wie das Bundesverfassungsgericht im Lissabon-Urteil festgestellt hat. Das Parlament kann die Kommission entlassen und hat dies bereits einmal erzwungen - und dazu schon mehrfach die Benennung einzelner Kommissare verhindert.
Das Europäische Parlament beschließt in einem Zwei-Kammer-System gleichberechtigt mit den nationalen Regierungen Europas Gesetze und seinen Haushalt. Nahezu alle Drittlandsverträge bedürfen der Ratifikation durch die Europaabgeordneten, wie im Februar die Ablehnung des SWIFT-Abkommens mit den USA bewies. Da für eine Mehrheit im Rat 55 Prozent der Staaten und 65 Prozent der Bevölkerung notwendig ist, steht Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern nicht so schlecht da.
Von Mangel an Demokratie kann da nicht die Rede sein, von Verschwörung erst recht nicht. Aber Forsyth will uns sowieso weismachen, dass die wahre Macht in Brüssel bei der EU-Kommission und der Verwaltung liege. Das würde dann auch wieder in einen Roman passen: der hinterhältige EU-Kommissar oder Europapolitiker, assistiert von niederträchtigen Gesellen, hintertreibt listig den arglosen Bürger bis dieser nichts mehr zu sagen hat in dieser Welt.
Vielleicht stört es Forsyth aber vielleicht auch nur, dass Europas Abgeordnete im Gegensatz zum britischen Unterhaus die eigene Tagesordnung selber festlegen können, ohne dabei von einem Premierminister jederzeit mit Auflösung bedroht werden zu können. Als mein Gast kann sich Frederick Forsyth in Brüssel und Straßburg diese Realität gerne ansehen.
Aufgestanden ist Deutschland wieder nach den physischen und moralischen Verwüstungen, dem Leid und der Schuld des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts, nur eben leider nicht in der Art und Weise wie Herr Forsyth sich das wohl vorstellt. Denn die EU ist ja gerade die Antwort auf den Bruderkampf der Nationalstaaten. Monnet, Schuman, Adenauer und Kohl haben über Hitler und Stalin gesiegt.
Die Vereinigten Staaten von Europa - ohne Britannien - forderte 1946 denn auch kein Geringerer als Großbritanniens Ex-Premier Winston Churchill in seiner Züricher Europarede und später im Europarat - eine Tatsache, die Großbritanniens Euroskeptiker gerne unter den dicksten aller Teppiche kehren möchten.
Für unser Land hier und heute aber hat Churchills weitsichtiger Appell nichts von seiner Dringlichkeit und Bedeutung verloren. Denn Europa ist kein Projekt der Vergangenheit, auch wenn die Debatte über Sinn und Zweck der EU auch heute noch viel zu sehr mit den Argumenten der letzten 60 Jahre geführt wird. Jean Monnet wollte mit der Montanunion Krieg und Diktatur unmöglich machen - das war sein Motiv. Der Kriegsverlierer Deutschland wurde exakt fünf Jahre nach Ende der Kämpfe als gleichberechtigter Partner eingeladen. Das Ziel, das nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft in Frankreich zunächst über die Wirtschaftsgemeinschaft und später über den Binnenmarkt und die Währungsunion weiterverfolgt wurde, ist heute auf wundervolle Weise erreicht. Fast ganz Europa lebt heute in Frieden, Freiheit und Wohlstand in einer Rechtsgemeinschaft zusammen. Deutschland ist vereint mit Zustimmung seiner Nachbarn in Frieden und Freiheit - erstmals in unserer Geschichte. Dazu haben der Binnenmarkt und die Stabilität Europas Deutschland als große Exportnation so sehr genützt, daß es unserem Land so gut geht wie nie zuvor in seiner Geschichte.
Warum also sollten wir uns vom englischen Nationalisten Forsyth in die Falle des Wilhelminismus locken lassen? Briten wie er lieben auch deshalb die EU nicht, weil sie in der Geschichte nur bei einem geteilten Kontinent das letzte Wort hatten. Deshalb möchten sie auch schnell die Türkei in die EU aufnehmen, um auf diese Weise die Gemeinschaft von innen zu schwächen.
Natürlich gibt es auch in der EU Fehlentwicklungen. Das gilt aber auch für Entscheidungen in London oder Berlin. Auf Fehlentscheidungen hat Brüssel kein Privileg. Zu viel Gesetzgebung und zu wenig Bürokratieabbau, zu langsame Entscheidungen, zu wenig Konsolidierung nach der letzten Erweiterung sind solche Punkte. Hier sind die Bürger zu recht verärgert, hier muss Politik auf allen Ebenen besser werden. Das darf aber doch nicht zur Zerstörung des Gesamtkonzepts führen. Soll Europa etwa ohne die Institutionen und die Rechtsgemeinschaft, die den Zusammenhalt und den Konsens möglich machen, wieder allein dem Kampf der nationalen Interessen mit den Methoden der Vergangenheit ausgesetzt werden? Oder was ist die Alternative? Sollen die Großen in Direktorien wieder die kleinen Länder gängeln und Bündnisse gegeneinander schaffen? Das wäre doch das Ergebnis.
Und wie sollen die europäische Völker in der globalen Ordnung bestehen angesichts der wirtschaftlichen Globalisierung, der veränderten politischen Kräfteverhältnisse angesichts aufstrebender Mächte wie China? Wie jeder für sich Terrorismus, organisierte Kriminalität, Umweltzerstörung bekämpfen?
Wie sehr dieser Zusammenhalt nötig ist, hat nicht zuletzt die Bankenkrise gezeigt, als sogar Großbritannien nichts anderes übrig blieb als mit seinen Partnern in der EU zusammenzuarbeiten. Gemeinsam haben die Europäer die Bankenkrise abgewehrt. Und sie haben erkannt, dass sich Regeln für die weltweiten Finanzmärkte nur gemeinsam durchsetzen lassen.
Nein, Herr Forsyth, schmeicheln Sie nicht den Deutschen, um uns in die Falle zu locken, in der die Schakale auf uns warten. Die EU ist für uns der beste Weg, wenn sie auch verbesserungswürdig und -fähig ist. Wen wundert es letztlich, daß Entscheidungen hier nur langsam fallen, wenn 27 Länder unterschiedlicher Geschichte, Größe und Mentalität am Tisch sitzen?
Deutschland muss sich auf diese Realitäten neu einstellen und Europa wieder ernst nehmen, nicht als Bedrohung, sondern als Chance. Denn die EU ist eben weder das Epizentrum einer Polit-Verschwörung, noch das verstaubte und nutzlose Traumschloss einer längst vergangenen Nachkriegszeit. Nichts dergleichen: die EU ist die einzige Möglichkeit für Deutschland und alle anderen Staaten auf unserem Kontinent, Einfluss zu nehmen auf die wichtigsten globalen Veränderungen. Und zwar nicht als Selbstaufgabe, sondern aus ureigenem Interesse, und in enger Abstimmung, sorgsamem Ausgleich und gelebter Solidarität mit unseren Nachbarn. Europa ist weder Schreckgespenst noch (Altherren)-Romantik, sondern Realpolitik. Und das bedeutet vor allem eins: alle Phantasieromane weglegen und der Wirklichkeit ins Auge blicken."

Mittwoch, 1. September 2010

My shoulders are heavy from the weight of us both

















An Truffaut hat mir immer genau das so sehr gefallen: Viel Hingabe, wenig Aufgabe. Immer Zwei (oft auch Drei) statt Eins. Und dann mit dem Auto in den Fluss.
Aus anthropologischer Sicht nicht gerade erfolgsversprechend. Und jetzt gerade, da könnte was dran sein (sowohl Geertz als auch Lévi-Strauss waren ihr ganzes Leben lang - letzterer zwar zweifach - verheiratet!). Schwere Schultern zeugen von Verantwortung, von Pflicht. Vom nächsten Schritt.

Dienstag, 10. August 2010

Regen und Segen

Vor einer Stunde wieder angekommen in meiner Lieblingskammer. Ich dachte ich würde ein bisschen die Nase rümpfen, ein bisschen schimpfen über: schreiende Marokkaner, versiffte und neuerdings auch ausgestorbene Straßen. Besonders über: den Dunst in diesem Haus, über nicht mal genug Platz, um den Rucksack abzustellen, über Dauer-Niesel-Regen-Grau-Blick aus dem geöffneten Fenster. Aber nein. Schön ist es hier gerade, alles so, wie ichs verlassen hab und an guten Tag ja auch mag und schätze.
Auch: nach den letzten zwei Wochen ein kleines Stückchen Ankommen, zumindest ein Verschnaufen. Und die gruselige Erkenntnis: zu Hause ist tatsächlich überall, sofern da gute Menschen sind. Roitzsch, Leipzig, Dresden und London sind demnach ganz sehr zu Hause, sind heimelig und gut. Auch Orte, an denen ich nie zuvor gewesen war kriegen durch einen lieben Menschen bereits ein saftiges Stück Bedeutung ab.
Und bringen in Kombination mit Schlafmangel sich wunderbar gut anfühlende Gelassenheit. Ein bisschen war das wie zwischen den Leben springen: zurück zu meinen herzensguten Dresdnern, zu Kochabenden mit zehn Gängen, zurück zu Kopf, Kunst und Kultur und damit vielleicht ein Stückchen zu mir. Dann Leipzig, CROWD, perfekte Momente für Stunden und Tage. Kurz und beim Abschied mit einer Träne im Auge, dennoch die stete Gewissheit um das Immerdar, das auf Immer und Ewig, der Einzigartigkeit. Dann die lieben Eltern, noch viel kürzer. Dafür: das Einsehen, dass Familie mit steigendem Alter immer besser wird.

Zu guter Letzt: mein geliebtes, gutes Albion. Das Aussteigen aus dem schnöden Flugzeug, Einatmen und: da. endlich. zu Hause, angekommen, zufrieden, glücklich. Auf dem Weg zur Wohnung noch beim Lieblings-Mafiosi-Iraner drei Liter Milch gekauft, dann direkt in die Arme der besten Mitbewohnerin der Welt geflogen. Ein Jahr lang nicht gesehen und doch besteht kein Zweifel, dass ich keine Sekunde lang weg gewesen bin. Einige der alten Freunde sind weiter gezogen, wie ich. Ein tapferes Schlucken und dann aufrichtige Freude um die Dagebliebenen, mir liebsten und tatsächlichen wahren Freunde. Wenn man nachts lachend durch Shoreditch läuft, über trunkene Briten steigend und minütlich auf bekannte Gesichter treffend, die sich euphorisch der Gruppe anschließen - dann ist tatsächlich alles gut, alles wie immer, so und nicht anders.
Um drei Uhr nachts muss man dann wehmütig den Heimweg antreten - der Flieger geht um 5.30 in der Früh. Eine letzte Fressorgie in der Küche, dann stumme Umarmungen, die sich minutenlang wiederholen. Beim Heruntersteigen der Treppen, auf dem Weg zur Bushaltestelle, im Flugzeug und...eigentlich bis jetzt: das klamme Gefühl, dass zu Hause zwar an den guten Menschen hängt. In dieser guten Stadt. Beides aber im Gegensatz zu CROWD endlich ist, nicht ewig so bestehen wird. Drei Mal habe ich mich jetzt nachts in Hackney verabschiedet. Drei Mal war klar, dass ich ein Stück da gelassen hab, in diesem 7qm Zimmer in der Sozialwohnung in Ostlondon. Und doch zumindest: gleichzeitig die Gewissheit, einen Teil mitgenommen zu haben. Von diesen wunderbaren Menschen.

Und jetzt gerade: wieder die Kammer. Zunächst nur für eine Woche, dann: zwei Wochen Südosteuropa, tatsächlich fast jeden Tag eine neue Stadt in einem neuen Land. Glück, Freude, Zufriedenheit und auch die Gelassenheit, alles gerade da. Der Kopfschmerz vom Wahnsinn hat dem diesigen, matschigen Gefühl im Kopf vom Schlafmangel Platz gemacht. Wohlig, selig, glücklich; da, wo ich hin will, ist wieder sichtbar, ist vielleicht noch ein bisschen nebelig und verschwommen. Trotzdem: back on the track.

Samstag, 24. Juli 2010

Alles schwimmt

Denn das Maß ist nicht voll, es ist schon lang übergelaufen.
Nach tatsächlich drei Monaten Hohenhausen soviel: Ich liebe die Stadt. Ich liebe das Leben hier. Dieses Haus, diese Menschen, den Wind, der einem bei der Arbeit in der Gilde neckisch und ein bisschen provokant ins Gesicht weht.

Ich weiß nicht, wann ich in so kurzer Zeit soviel gelernt habe; vielleicht während der sechs Monate London. Dennoch ist das hier anders, ganz anders. Genauso wichtig, vielleicht wichtiger.
Doch gerade jetzt, in einer Freitag Nacht um 0.54 Uhr, während ich in einem neuen Kleid geschminkt allein in meinem Zimmer sitze, mich zuvor richtig und aufrichtig auf diesen Abend gefreut habe - ein Abschiedsumtrunk tausender Menschen auf der Straße, bei dem auch ich sehr lieb gewonnenen Menschen Adieu sagen wollte - da reicht es.
Es reicht, vom höchsten Glück, vom Springen vor zutiefst empfundener Freude so übel auf die Fresse zu fallen. Bald werde ich mir die Schneidezähne ausschlagen. Oder den Kiefer brechen beim Aufprall.
Es reicht, schlaflos wach zu liegen und den Wahnsinn am Bettrand winken zu sehen. Er winkt und grinst dort ganz hämisch, die ganze Nacht lang. Und erscheint mir momentan die einzige Konstante in meinem Leben zu sein. Um mich von diesem Zeitgenossen abzulenken, schaue ich geradeaus in die Nacht. Von meinem Hochsitz - man muss sich das ein bisschen wie den Turm des Bademeisters im Schwimmbad vorstellen - sehe ich durch das offene Fenster die ganze Hohenhausener Nacht erleuchtet vor mir. Jede Nacht das gleiche Spiel. Gestern zwei polnische Männer. Nachdem sie sich bis drei Uhr morgens angeschrien hatten und ich mich bereits gefragt hatte, warum ich überhaupt ins Bett gegangen war, holte der eine ein Taschenmesser raus und ging auf den anderen los. Zwei Nächte zuvor Jugendliche auf Fahrrädern mit Backsteinen in den Fahrradkörben. Es klirrte fast schon melodisch als sie konsequent alle Fenster der gegenüberliegenden Schule einschmissen.
Natürlich ist meine geliebte Straße wirkliches pars-pro-toto für die gesamte Stadt: auf dem nächtlichen Nachhauseweg wird man konsequent verfolgt (nebst im Sekundentakt angehupt und angeschrien); tagsüber wird man im Park von Achtjährigen belästigt, die einem das Telefon stehlen wollen. Die Xenophobie wird mir bald zur tatsächlichen Herausforderung, handelt es sich (mit Ausnahme der beiden Polen) doch konsequent um Marokkaner.
Nichts davon überrascht mehr, nichts verwundert. Es nervt nur einfach. Ähnlich wie der Alkohol, das ständige 'Netzwerken' (=Gammeln) auf der Straße, selbst die Uniformität des Unberechenbaren. Der nächste Dödel, der mir von seinem Praktikum bei diesem oder jenem Hutmacher, bei der Hutbehörde oder beim Stoffkontrollzentrum erzählt - ich glaube, dem muss ich leider ins Gesicht spucken.
Genau wie dem stetigen Wandel, dem ewig Ungewissen, dem per-se Veränderlichen. Dem cambio, der transformation, dem change. Der Sommer wird genau davon nur noch mehr bringen. Jeden Tag an einem anderen Ort aufwachen, jeden Tag ein bisschen ein anderes Leben durchspielen - darauf freue ich mich dennoch gerade über die Maßen. Denn es lenkt ab, gaukelt ein Stück Normalität vor. Jeden Tag eine andere, aber besser als keine.
Zuallererst: Deutschland, Deutschland über alles. Albern mag das klingen (und natürlich nazistisch), da ich mich in einem direkt angrenzenden Nachbarland befinde. Doch im Zentrum von Europa sehe ich gerade nicht viel europäisches; ich bin müde und möchte ein Stück Heimat (hier: Heimat als Ort der Tradition und des Beständigen, d.h. Freunde und Familie), dann ein Stück Vergangenheit, dann ein Stück Neugierde mit guten Hohenhausenern in Portugal. Dazwischen: ein beständig bis an die Schädeldecke pulsierendes Hirn.
Ich freue mich auf diesen wirren, vollen und sicher aufschlussreichen August. Auch auf den September danach. Wenn die Stadt und ich den letzten Frieden schließen und ich mich, in welcher Form auch immer, verabschiede. Und wieder von vorn anfange. Ganz anders, ganz neu, ganz allein (wichtig!) und hoffentlich ein ganz klein bisschen gelassener. Die Gelassenheit als höchste Tugend; oder eher: Aufrichtigkeit, Menschlichkeit und Gelassenheit als mein Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Jetzt: 1:30 Uhr, der Umtrunk ist mittlerweile vorbei. Jedoch die Information, man zöge zur nächsten Karaoke-Bar weiter. Nun gut, Ablenkung ist der erste Schritt in Richtung Gelassenheit.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Glycerol-Insel

„No entiendo nada. Es como toda mi vida cambia. Cada día.”

“A veces creo que es la ciudad que decide todo. Yo no puedo hacer nada.”

“Ay, que hacemos…”

“Vamos a esperar al cambio.”

Die Gespräche im Waschsalon sind mir doch die liebsten. Egal, über was da gesprochen wird – man versteht sich; die Insel verbindet.
Da kann der marokkanische Mitbewohner betrunken auf arabisch schimpfen, die ecuadorianische Partybekanntschaft einem beim Aufs-Dach-Klettern die privatesten Details vor die Füße kotzen oder die Lieblingsspanierin einem beim Wäschezusammenlegen nur einen Blick zuwerfen – man versteht sich. Vielleicht nicht alles, manchmal – eher oft – versteht man nicht mal die einzelnen Worte der vielen Sprachen, die einem an den Kopf gepustet werden. Aber das Gefühl um die Magengegend ist ja doch immer das Gleiche. Gestern brachte es ein mir sehr lieber Mensch auf den Punkt: „Nun…’Sag niemals nie.’ Ich denke das ist das Wichtigste, was wir in den letzten Monaten gelernt haben.“ Ein bescheuerter Satz, aber Recht hast du, Keule. Diese Hutmacherstadt nimmt sich jeden Tag aufs Neue ein Stück Welt, ein Stück Realität. Und dreht es einmal so lange im Kreis, bis es sich selbst ins Absurde verkehrt. Jegliche Bedeutung verliert. Bis man sich fragt, was dieses oder jenes überhaupt je bedeutet hat für einen selbst. Menschen, Werte, Vorstellungen werden nicht egal, aber sie verändern sich. Und wie die liebe Mitbewohnerin im Waschsalon feststellte, ändern sie sich manchmal jeden Tag. Ohne, dass man es merkt, findet man das eigene Leben ganz schnell ganz anders.
„Das hätte ich ja nie von dir gedacht.“ „Ja, ich auch nicht. Komisch, hm?“ Vielleicht sollte jeder eine Weile auf einer Insel leben und sich selbst neu kennen lernen. Ich denke man sieht die Welt danach um einiges entspannter.

Zwischenzeitlich dachte ich, man verbringe hier den Großteil der Zeit damit, sich das Hirn weg zu saufen. Dem ist wahrscheinlich auch so. Aber der Teil an Hirn, der bleibt, scheint mir ein guter Teil zu sein. (Sterben vom Kopf-gegen-die-Wand schlagen mehr Hirnzellen als vom Trinken?)
Ein Teil der Meute verlässt den Tempel und die gesamte Hutmachergemeinde mit ein paar blauen Flecken, andere gehen völlig vernarbt, der Rest bleibt und lernt mit diesem Zirkus irgendwie zu leben. Manchmal fragen wir uns, ob wir das könnten. Numero uno hat sich bereits entschieden, lebt seit zwei Jahren hier. Die nächste hat sich gestern entschlossen, sie möchte bleiben, Vertrag verlängert. Und ein Dritter will es noch mal versuchen, schauen, ob er es mit den Affen und den Schweinen aushält; er liebe den Zirkus ja doch sehr. Das tun die Meisten, ich auch. An Tagen, an denen sowohl der Kopf als auch die Wand (seit gestern eher die Holztür, weniger schmerzhaft) heil bleibt. Dann hüpft man als Endorphin-Dopamin-Bombe über von Kotze und Obdachlosen gesäumte Bürgersteige, fährt mit sieben anderen in einem Ford Fiesta durch die Hohenhausener Nacht (warum bin ich immer der Dödel, der seinen Kopf aus dem Schiebedach halten muss und beim Bremsen jedes Mal Todesängste ausstehen muss?) und ist überzeugt vom „Wer-wenn-nicht-wir“. LIEBT diese Arbeit, das Gefühl von wichtig, gut und richtig abends beim Einschlafen.

Man sieht das Glück in Reinform; das ist ein Luxus, den sich erwachsene Menschen selten leisten können (tatsächlich erscheint diese Stadt manchmal als Erasmus für Erwachsene). Der Luxus ist der Egoismus, dem hier jeder so anhängt, der so wichtig und richtig ist. Eingetauscht wird das gegen: Sicherheit, Stabilität und: eine Perspektive. Die hat hier tatsächlich so gut wie keiner, auch nie gehabt. Der Holzhammer kann einem jeden Morgen nach dem Aufstehen auf den Kopf rumsen und die Schädeldecke zermatschen. (Das neuerdings Pathologische in meinen Beschreibungen ist unbeabsichtigt.) Sicherlich ist diese Dreieinigkeit im Europa des 21. Jahrhunderts sowieso längst Utopie geworden. Aber in Hohenhausen ist nicht mal mehr ein Überrest dieser (bürgerlichen?) Werte zu finden. Keiner scheint hier mehr danach zu suchen; sie gelten als tot und bereits begraben. Und werden trotzdem von allen vermisst.
Die Konsequenz ist dann meist: kaum tiefe Freundschaften, keine Beziehung, niemals Familie. Drei Dinge, die auf meiner Lebensliste an vorderster Stelle stehen. Aber seit letzter Woche halte ich mich dann doch lieber an die weisen Worte des jungen Mannes: „Sag niemals nie.“ Und warte ab.

Mittwoch, 14. Juli 2010

Der Kopf und der Rest

Ich bin ein Kopfmensch. Das denke ich wirklich. Alle großen Entscheidungen in meinem Leben habe ich bisher mit dem Hirn getroffen. Ich denke es hat einfach viel mehr Kompetenzen als das schnöde Herz oder der stark überbewertete Bauch.
Jedes Mal, wenn ich letzteren Organen Entscheidungsgewalt zuwies, ging das daneben. Die Konsequenzen irrationaler Gefühls- und Gemütsduselei habe ich tatsächlich meistens bereut. Und doch ist man ohne Herz kein ganzer Mensch, muss einfach auch Dinge bereuen. Das stärkt den Charakter, bringt Lebenserfahrung und Weisheit.
Und Narben. Die können geradezu heldenhaft wirken; man kann sie stolz präsentieren und damit zeigen, was man schon alles so durch hat im eigenen Leben. Sie können aber auch furchtbar groß und hässlich sein. Und vielleicht nie richtig verheilen. Widerwärtige Charaktereigenschaften überhaupt erst entstehen lassen. Missgunst, Eifersucht, Intoleranz und den guten alten Pessimismus – die können alle mit einer einzigen großen Narbe daherkommen. Ist es dann trotzdem gut, die Erfahrung gemacht zu haben? Was wenn der Besitz der Narbe so abbrüht, dass ein Stück vom Selbst dem hässlichen Mal Platz macht? Und das Hirn dann keinen Einfluss mehr hat, nicht mehr mitmischen kann bei den großen Entscheidungen.

Was ist überhaupt eine gute Glücklich-und-Zufrieden-Quote für ein Menschenleben? Wie viel Schmerz und Leid wird überhaupt erst einmal benötigt, um das Glück zu erkennen? Und dann festzuhalten. Und welche Narben sind schlimmer: die selbst verschuldeten oder die, die man so gern Schicksal nennt?
Weder in der Situation noch im Rückblick kann man das richtige Maß erkennen: Während man den Kopf noch gegen die Wand schlägt und vor Verzweiflung oder Trauer schreit, erscheint das Maß an Leid nicht zu halten; zu viel für ein Menschenleben. Jahre später verklärt man oft; sieht den Abgrund nicht mehr, an dem man stand. „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Ein Stückchen zumindest. Ein mindestens genauso großes Stück von diesem Binsenweisheitskuchen bringt aber emotionale Kälte und die Unfähigkeit, anderen Menschen zu vertrauen.
Den lieben guten Peter Handke lobe ich mir genau deshalb so sehr: Als das Kind Kind war, da wusste es nämlich von all dieser Scheiße noch nichts. Hat gelacht und geschrieen ohne je die Konsequenzen dafür tragen zu müssen. Wenn ich heute Kind bin – und ich gebe mir die größte Mühe, ein regelmäßiges Kindsein fest in meinen Alltag zu integrieren – dann bekomme ich doch in fast genauso regelmäßigen Abständen die Quittung dafür.

Wenn ich jetzt in den Spiegel schaue, dann klafft da gerade noch eine ziemlich miese Wunde, ganz frisch. Man kann bis zum Knochen schauen, geradezu faszinierend. Ich bin gespannt: das wird eine ordentliche Narbe ergeben. So eine, die ich mein ganzes Leben mit mir rumtragen kann. Die ich aber keinem zeigen werde. Mir nur ab und an im Spiegel anschauen werde, um mich an die einzige große Herz-Bauch-Scheiße-Entscheidung meines jungen Lebens zu erinnern. Ich möchte dann verschmitzt grinsen und mir sagen: das hat sich gelohnt, ich hab gelebt und ich hab es geliebt, was mich da so zugerichtet hat. Ich will mit 85 noch sagen können, dass ich es nicht mal bereue. Es immer wieder tun würde. Es trotz der Konsequenzen richtig und gut war. Für mich in der Phase meines Lebens etwas gebracht hat. Vielleicht gibt es keine allgemeine Glück-Unglück-Quote für jeden. Das Maß an Glück, was diesem Krater an meinem Körper voraus gegangen ist, war jedenfalls so groß, dass es Unglück und Leid ein ganzes Stück weit aufwiegen kann.
Vielleicht sind dafür auch die Narben gut: dass man sich an das erinnert, was da passiert ist. Sie aber nicht als Mahnmal für Fehlverhalten oder Dummheit versteht, sondern als kleine Meilensteine, manchmal auch Hinweisschilder, für diesen langen Weg, den man über die Jahre so geht. Ich möchte meinen Knochensplitterblick und das spätere Mal nie vergessen. Ich möchte aber auch immer sagen können: ich bereue vielleicht manche Sicht auf die Dinge, manche Herangehensweise an das Neue, aber die Narbe, die am Ende bei rum kam, die würde ich mir genauso noch mal holen. Den Kopf noch mal mit einhundert Prozent gegen die Wand schlagen. Und den Schmerz danach wichtig finden.