Samstag, 27. August 2011

Bildung ist nicht alles.

Kann sie zumindest nicht sein. 40 000 Dollar Studiengebühren pro Jahr, 1500 Dollar Miete pro Monat, 200 Dollar pro Kursbuch, exorbitante Preise für Essen und alles andere, was den menschlichen Körper am Leben erhält. Nach nur einer Woche inmitten der selbsternannten Bildungselite behaupte ich frech, dass es das einfach nicht wert sein KANN. Jede einzelne Vorlesung kostet jeden Studenten mehrere hundert Dollar. Keine davon kann soviel Geld wert sein, nicht jede davon wird überhaupt wirklich gut sein. Und keiner beschwert sich. Ich wundere mich, warum die Studenten hier das 40fache meiner Studiengebühren zahlen (die ich ja selbst nicht einmal zahle, da sie mir erlassen werden) und die Kopien in der Bibliothek hier trotzdem noch dreimal soviel kosten. Wie das schlechte(!) Mittagessen acht Dollar kosten kann und trotzdem 30 000 Studenten lachend in überteuerter Merchandise-Klamotte ihrer Elite-Uni über den Campus stolzieren können. Ist jeder einzelne von denen reich? Das geht nicht bei der Dichte an überteuerten Super-Duper-Unis in diesem Land, denke ich. Heute morgen auf dem Weg zur Uni dann auch hinter mir: "For this year I still have the money. But for next year, I'll have to take a loan." Hm. Muss ein seltsamer Start ins Berufsleben sein mit gut 300 000 Dollar Schulden nach dem Masterabschluss. Aber wahrscheinlich sind das auch die Wenigsten. So wie die Masse an Pennern in San Francisco nichts zu fressen hat, fährt ein guter Teil der Studenten in Berkeley mit dem BMW Cabrio zur Uni.
Nach diesen wenigen Tagen schon finde ich das tatsächlich einfach nur schlecht und falsch. Natürlich: Bildung wird in den USA gewertschätzt, anders als in Europa. Aber wenn das der Preis dafür ist - nämlich 40 000 Dollar pro Jahr - dann sollten die Europäer vielleicht doch stolz sein auf ihre miesen PISA-Ergebnisse. Auch wenn Deutschland in verschiedenen Studien als eines der ungerechtesten Länder der Welt erscheint - das ist alles nichts gegen die Ungerechtigkeit, die dort herrscht, wo allein die Zahlungskräftigkeit über den gesellschaftlichen Erfolg entscheidet. Denn der Elite-Abschluss ist ja vor allem mit Prestige und Ansehen verbunden. Vielleicht sollte jeder in seinem Lebenslauf unter dem Studienabschluss angeben, wie er sein Studium finanziert hat.

Montag, 25. Juli 2011

Vom Erwachsen werden

Vor acht Tagen stand ich nach einer Stunde Schlaf morgens um 4.45 auf, um sechseinhalb Stunden mit der Regionalbahn durch Deutschland zu fahren. Mein Begleiter war ein 19-jähriger Junge, mit langen, wuscheligen Haaren, einem Strohhut auf dem Kopf und einem Zelt auf dem Rücken. Gerade Abitur gemacht, auf dem Sprung für ein soziales Jahr nach Nicaragua. Auf der Fahrt dösten wir dann so vor uns hin, hörten Musik, er erzählte von seinen Plänen.
Seltsam, wie sich alles so verschiebt. Am Tag zuvor hatte ich meine letzte Prüfung geschrieben, Tag- und Nachtschichten hintereinander, nichts anderes zählt. Und von einer Sekunde zur nächsten ist da wieder das alte vertraute Gefühl, mindestens zwanzig Jahre alt: viel zu müde, um sich über irgendwas Sorgen zu machen, angesteckt vom Fernweh des anderen, glücklich weil man stundenlang mit dem Zug durch den Wald fährt. Kein Geld zu haben ist auf einmal wieder gut, gehört irgendwie dazu zum Jungsein und zum Studieren. Bilder im Kopf von Zugfahrten, die man nie vergessen wird: Polen, Rumänien, Tschechien, Schottland, Belgien. Wie gut war das alles. Das Gekichere, die zerwuschelten Haare, der Sand in den Augen, kluge Sätze, dann stundenlanger Blick auf das, was da vor einem liegt. Das konsequente Kaum-Erwarten-Können.

Und heute? Ist das immer noch alles wirklich gut. Aber nicht mehr gleich. Seltsam, wie sich alles so verschiebt. Heute freut man sich aufrichtig mit dem 19-jährigen, dem alles, aber auch wirklich alles jetzt gerade, genau in diesem Moment, bevorsteht. Dem gerade nichts weniger als die ganze Welt gehört.
Das Gefühl von Befreiung hat aber heute der Unsicherheit Platz gemacht. Man denkt mehr in Zeit- als in Erfahrungsräumen, gibt auch zu, Entscheidungen zu treffen, von denen man schon zuvor wusste, dass die Konsequenzen keinen Spaß bringen würden und kein Stück Selbstfindungspotenzial aufweisen könnten. Solange die Entscheidung ein Schritt in Richtung Sicherheit, Vernunft, Erwachsensein bedeutet hat. Neu ist, dass sich solche Entscheidungen heute ausschließlich und ohne wenn und aber gut anfühlen. Wie ein Stück Gewissheit, dass man tatsächlich erwachsen wird, von ganz allein, aus freien Stücken. Das beruhigt ungemein.

Wirklich seltsam, wie sich das alles bereits verschoben hat! Die Präferenzliste gefühlt einmal herum gedreht. Das, was einem früher Angst gemacht hat, was einen vielleicht sogar angeekelt hat, das ist heute das Fundament von allem, was da ist. Feste Beziehung, Berufsbezeichung ohne "freischaffend", das "Zumindest-rette-ich-damit-die-Welt-auch-wenn-ich-kein-Geld-dabei-verdiene" mit einem Kopfschütteln begraben. Und wieder: das fühlt sich ungemein gut an. Soll genau so und nicht anders sein.

Heute Mittag dann wieder Ankunft im Mösle. Es fühlt sich jetzt schon fremd an, falsch und nicht wie etwas, das noch zu mir gehören sollte. Studenten gehen mir jetzt schon auf die Nerven. Das in-den-Tag-hinein-leben hatte ich noch nie verstanden, heute regt es mich auf. Jahrelanges Sitzen auf der Wiese vorm Haus, mit der immer gleichen Musik, immer ohne klares Ziel. Die Gespräche dumm und leer, selbst der Duktus macht mich aggressiv. Die verdreckte Küche, das versiffte Bad mit den dämlichen Sprüchen an den Wänden. Dazu überall dieser Bass. Und wie mir das alles mal Spaß gemacht hat, wie stolz ich war, dass es mal mir gehört hat. Dass ich auch eine von denen war,vom Pack. Heute frage ich mich, wie es zum Beispiel sein würde, noch mal in die alte Wohnung in London zu ziehen. Mit dem Schimmel überall, der verrotteten Küche, mit dem Würge-Reflex-auslösenden-Gestank, im Winter ohne Heizung, fließend Wasser nur durchgängig im Fitnessstudio. Mit dem wenigen Geld gut gelebt. Überall zu Fuß hin gelaufen, alles geklaut gekauft, in einer Parallelwelt gelebt. Das war die schönste Zeit meines Lebens. Und war genau, exakt und auf die Sekunde damals so richtig, vor drei Jahren.
So seltsam, wie sich das alles so verschiebt. Letzte Woche Telefonat mit der alten Mitbewohnerin aus Dresden. Vor gut zwei Jahren saß man noch rülpsend zusammen in Unterwäsche am Frühstückstisch. Und heute? Studium beendet, fertige Lehrerin, verheiratet, ein Kind. Und will nie nie wieder zum Studentenpack gehören. Verdient jetzt Geld. Ist erwachsen. Am Ende lege ich auf und wünsche mir genau das. Möglichst bald.

Dienstag, 21. Juni 2011

Aus Mangel an Hirn

In der Möse gibt es ein Hornissennest, ganz nah bei unserem Haus. Und im Sommer, wenn nun alle Haustüren und Fenster offen stehen, da sind sie dann hier, in meinem Zimmer. Die Hornissen. Gerade habe ich das dritte Todesopfer mit dem Staubsauger beerdigt. Tatsächlich: Die fliegen hier rein und kommen nicht wieder raus. Beim ersten Mal war es tatsächlich eine Hornissenkönigin oder eine mutierte Wespe. Die ist mit viel gut zureden von zwei Mitbewohnern und mir mitten in der Nacht nach einer Stunde wieder verschwunden. Seitdem: drei Todesopfer. Man kann versuchen, sie zu scheuchen. Alle Fenster öffnen, Stunden, Tage, nichts. Die Hornissen kriechen am geöffneten Fenster entlang und schaffen es nicht hinaus. Die letzte tat mir wirklich leid. Vor drei Tagen fror ich ihretwegen die ganze Nacht lang, ließ bei Regen alle Türen und Fenster geöffnet. Am Sonntag morgen dann lag sie auf dem Boden. Direkt neben meinem Bett - was, wenn sie mich noch stechen wollte? Im Schlaf? Und dabei wollte ich ihr helfen.
Wieso schauen die nicht nach rechts oder links, bewegen sich nicht mal drei Zentimeter weiter? Dann würden sie das geöffnete Fenster bemerken. Warum sind Insekten im Schwarm klug und allein so furchtbar dumm?

Übrigens stechen nur etwa ein Zehntel der Hornissen eines Nestes. 10 000 Stiche wären erforderlich, um einen Menschen zu töten. Ich werde sie also beruhigt weiter beobachten. Vielleicht sollte ich versuchen, sie in Schwärmen anzulocken. Dann finden sie vielleicht hinaus.

Montag, 2. Mai 2011

Das Recht bei den Guten und die Schuld bei den Andern.

Man schleppt doch so Einiges über die Jahre mit. Kistenweise Scheiß lagert da im Hinterhirn und wird zu weiten Teilen doch nie wieder hervorgekramt. Vielleicht ist es auch einfach da; man hat vergessen, dass es da liegt, könnte es aber im entscheidenden Moment wieder hervorholen? In dem ganzen Wust findet man sich aber meistens doch nicht mehr zurecht. Wenn man einfach aufräumen könnte; das Unnütze einfach wegschmeissen. Aber nein. Gerade das Unnütze, mehr noch: das Störende, immer im Weg Rumliegende, sodass man jedes Mal drüber fällt, wenn man den Speicher betritt: das bleibt immer da. Kann man hunderte Male wegpacken, zukleben, aus Wut hinter den Schrank werfen und in Situationen wie neuerdings immer öfter: erst zerreissen, dann anzünden, zum Schluss auf die Asche spucken. Vielleicht bald drauf pinkeln. Kommt trotzdem immer wieder.
Mein persönliches Ich-raste-aus-und-bring-dich-um-du-Überbleibsel und ich feiern irgendwann diese Woche Jahrestag. Komisch, ich weiß nicht mal genau, was das für ein Tag war, an dem das passierte. Ob es ein schöner Tag war, ob irgendwas anders war an diesem Tag. Alles ziemlich verschwommen und auch ein bisschen egal. Bis ich dann verstanden hatte, wer sich da an mich dran geheftet hatte, bis heute auf meiner Schulter hockt und mir mit den Jahren einen ordentlichen Buckel bereiten wird. Dieses kleine Ding und ich hatten eine ziemliche Scheißzeit zusammen. Da war immer was Neues, was immer noch Krasseres, Heftigeres, Erschreckenderes. Bis der Unfug nicht mehr so regelmäßig kam; bis ich dachte, ich sei diesen kleinen Auswuchs doch endlich los.
Und: bis dann alles auf perverse Weise normal wirkt. Man dieses spießige Leben führt und sich stolz als Spießbürger präsentiert. Da sitzt es dann wieder, macht Gelächter im Park und Kindsein auf Bahnhöfen zunichte. Versaut einem schlussendlich die wenigen perfekten Momente. Die mit gutem Rotwein hoch oben über der Stadt und dem Glück, vor dem man platzen möchte.
Dann will man völlig müde von so viel gutem Leben nichts mehr von der Welt haben und da steht es wieder. Immer anders verkleidet; manchmal kommt es auch früh morgens, per Anruf oder SMS. Mittlerweile sogar per E-Mail. Und bleibt dann erst mal. Man sucht das liebe Gesicht, mit dem man gerade die ganze Sause geteilt hatte und da ist nichts mehr. Man sucht und sucht und findet irgendwann so einen erbärmlichen Haufen Elend, der schon vergessen hat, was denn da überhaupt so schön war an diesem Leben.
Und jedes Mal meint man, nun - endlich! - habe man die Situation durchschaut. Das nächste Mal würde man schneller sein, den Kerl sofort erkennen und durchschauen.
Das habe ich mir im letzten Jahr an die 365 Mal gesagt. Gestern Abend das letzte Mal. Funktioniert nicht, zu viele gute Dinge hat mein Überbleibsel schon kaputt gemacht. Es ist also da und wird nicht mehr gehen.

Wenn irgdenwann soviel bleibt, von dem Schlechten, was gewesen ist im eigenen Leben, dann gehört es vielleicht dahin. Und ist sicher auch nicht nur schlecht. War einem Lehrmeister in Tugenden, die man für angeboren gehalten hatte und am Ende doch ganz von vorn ins Hirn prügeln musste. Geprügelt bekam, viel eher. Hat gezeigt, dass man nie irgendeinen Furz in dieser Welt als einfach da verstehen sollte.
Und am wichtigsten: Hat einem zu verstehen gegeben, dass man stark ist, viel mehr als man dachte. Dass man mehr aushalten kann als man geglaubt hatte. Und, dass man sich am Ende nur und allein und ausschließlich vor sich selbst rechtfertigen muss und vor niemandem sonst.
Und gestern: Dass man selbst einer von den Guten ist. Die fehlende Hand - die fremde Hand - die die Eigene nicht hält, existiert gar nicht. Die hat man entweder schon selbst oder sie wächst irgendwann.

Montag, 11. April 2011

if there's anything to say, if there's anything to do, if there's any other way

Dann würde es gesagt, getan, befolgt werden. Aber dem ist dann meistens doch nicht so. Das ist im Grunde nichts anderes als furchtbar schade. Sollte um jeden Preis vermieden werden. Warum es also nicht einfach sagen, machen, denken, egal, was kommt?
Dachte ich mir gestern Mittag, in der Sonne sitzend, die Kraxe vor den Füßen, einem anderen Rucksack hinterherschauend.
Natürlich, ich mache das jetzt, das geht und ich bin überhaupt alles, was ich sein möchte. Möchte ich in dem Moment wirklich, sage aber nichts. Stille, ich schaue dem Rucksack hinterher - der läuft beharrlich aufs Ziel zu, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, schaut sich nicht um.
Selbst-und Fremdbild sollten im Idealfall deckungsgleich sein. Mein Fremdbild sagt: "Interessant. Ich halte fest: Du bist definitiv schlimmer als du aussiehst. Es war schön, dich kennen gelernt zu haben." Die Schnitmenge mit dem Selbstbild gefällt mir dann sogar. Wieder unendlich schade. Man könnte einmal im Leben nett sein.
Und wenn man dann einmal nett war und jemandem ein Stück von sich abgegeben hat, zum Mitnehmen, Gegen-die-Wand-werfen oder zum Gießen, dann kann man auch noch ein klein wenig Geduld haben, also entwickeln zu allererst. Und sich dann ganz ruhig und von so ein Stück weiter weg anschauen, was derjenige dann da so gemacht hat mit dem Stück von einem Selbst. Vielleicht war das am Ende ja tatsächlich gut, dass man was abgegeben hat! Da entsteht doch tatsächlich was Neues, vielleicht sogar was Schönes. Und vielleicht gibt einem der andere dann auch was, was ganz Eigenes, Besonderes, Tolles. Und das formt man dann auch. Beinahe romantisch.
So, und nun bekommt man da aber was Kaputtes zurück. Also es sieht gut aus, ganz anders, ist gewachsen und so. Aber da ist ein hässlicher Kratzer dran, den kriegt man nicht mehr weggerubbelt. Man sagt nichts, schaut aber immer hin, das geht gar nicht anders. Und heimlich versucht man dann, das andere Ding, also das Geschenk, auch irgendwie so ein bisschen zu beschädigen, nicht viel. Aber immer ein Stück mehr. Der andere ist dann auch nicht blöd und kriegt das mit. Und so wächst dann irgendwie was Krummes, bisschen verwachsenes. Es wächst aber. Und hoffentlich wächst sichs raus bis es fertig ist. Mit viel sagen, machen, auf dem Weg bleiben, runterschlucken, groß und stark sein.

Mittwoch, 2. März 2011

In der pathologischen Pflicht

„... und an der Brust sahen wir häufig Tumoren, die der Gestalt eines Krebses sehr ähnlich waren. So wie die Beine des Tieres an beiden Seiten des Körpers liegen, so verlassen die Venen den Tumor, der seiner Form nach dem Krebskörper gleicht.“

Gestern im Bus hörte ich mein Herz schlagen. Nicht ungewöhnlich. Wenn man sich konzentriert, ganz genau darauf achtet. Bumm.Bumm.Bumm. Mehr ein dicker, schwerer Stein als der Beweis für Leben. Und gestern, da hat es mich erschreckt. Ich war sicher: das müssen die Leute hier doch hören, das schlägt so laut! Nicht schnell, nicht unregelmäßig, nur wuchtig und laut. Ich bin dann ausgestiegen und gelaufen. Über die Rheinbrücke, am See entlang, der Sonne entgegen. Besser.
Wie lange kann so ein Herz so unverfroren und unbeirrt schlagen-pochen-wummern. Stoisch und siegessicher, ohne Zweifel. Was, wenn es erschreckt wird? Das große Drumherum als das wahrnimmt, was es ist: ein riesiges Geschwür, mit immer mehr Neoplasien, Gewächsen. Nein, die Welt ist nicht schlecht, zumindest nicht zu mir.

Aber in drei Wochen wird gewählt, soll ein Landtag bestimmt werden. Der Wahlbenachrichtigungszettel liegt auf dem Bett. Natürlich werde ich wählen, muss ich wählen. Aber die Entscheidung, aus welchem Topf von Metastasen ich nun das scheinbar harmloseste Lymphom herausziehe, erscheint mir völlig gleich. Gestreut hat hat das Ding alle Mal.
Das dicke fette Malignom Baden-Württemberg ist vielleicht längst nicht so groß in Anbetracht des ganzen Krebses. Des schon krank zur Welt gekommenen Kindes. In Deutschland sterben jedes Jahr fast 2000 Kinder an Leukämie, Hirntumoren, Rückenmark- und Lymphknotenkrebs.

Und ich lasse mir fortan mein Studium von einer politischen Partei teilfinanzieren. Um mir ein Semester an einer Universität leisten zu können, die sich selbst für eine der elitärsten der Welt hält. Besser noch: ich werde noch mehr Geld brauchen, mich immer ein Stück weiter aus dem fahrenden Zug lehnen, anbiedern, mitmachen. Überall Tumore, überall krankes Gewebe.

Sonntag, 27. Februar 2011

Wann ist das denn passiert?

Wann sind wir denn - nun wirklich und wahrhaftig, unabänderlich und ganz sicher - erwachsen geworden?
Vor einer Woche habe ich meine vorerst letzte Prüfung geschrieben. Am Tag zuvor stellte ich erschrocken fest, dass ich noch niemals so abgestumpft und gefühllos meine Tage zugebracht hatte wie in den letzten sechs Wochen. Aufstehen, essen, funktionieren. Desto härter war der Zusammenstoß mit dieser dicken Portion Leben nach der Prüfung: Lachen, Trinken, Weinen vor Lachen, sinnfreies Daherreden, noch mehr trinken, sich im Viertelstundentakt übergeben. Der nächste Tag: Pyjama, Extra-Käsepizza, Nichts mehr. Außer der Feststellung: Ab und an, ja, da macht mich das tatsächlich glücklich, im eigentlichen Wortsinne.
Montag dann wieder auf ins Hamsterrad. Jedoch nicht mehr im Sprint. Freie Abende. An denen jetzt wieder Musik gehört werden soll. Heute: Klänge aus der unbeschwerten Jugendzeit. Und damit dieser Riesenschreck - da ist soviel passiert und ist nun wirklich endgültig. Beim Hören muss ich laut kichern; ich denke an die vielen Konzerte, an die Abende in den immer gleichen Clubs, mit dem immer gleichen Bier. Und den immer gleich dämlichen Gesprächen um fünf Uhr morgens auf dem kalten Bahnhof. Und an meine Vorstellungen vom Leben aus der Zeit. Ich möchte das gar nicht werten, bin aber erstaunt wie selten: noch mehr hätte sich das alles gar nicht ändern können. Auch wenn damals alles weniger konkret war, hatte ich doch einen festen Wertekanon, der alles bestimmen sollte. Hat der sich denn nun so völlig geändert? Wann ist denn die Frage: "Werde ich Kinder mit ihm haben?" zum ausschlaggebenden Kriterium für die Fortführung einer Beziehung geworden?

Gestern Nacht saß ich nach einem 20-Stunden-Tag erschöpft im Zug gen Süden, als in irgendeinem Kaff - es hätte gleichwohl Wurzen sein können - circa fünfzehn volltrunkene, punkende Jugendliche einstiegen. Sie waren sehr laut und sehr einnehmend, für den Moment geradezu anstrengend. Gingen in die zehnte und elfte Klasse. Und erinnerten mich stark an mich selbst: Aufstand üben, aber nie wirklich durchsetzen, das Kein-Bock-auf-Arbeit zwar nölend, aber nicht tatsächlich vertretend. Und verdammt glücklich genau damit.
Davon ist nun wirklich endgültig nichts mehr da. Natürlich wusste ich auch gestern bereits, dass ich mir nie wieder die Haare schwarz-grün färben würde. Aber ich hatte immer gedacht, dass noch ein Funke vom alten Geist geblieben wäre. Wenn ich heute im Schlafanzug Pizza esse, ist der Stapel auf dem Schreibtisch aber trotzdem im Hinterkopf. Zusammen mit tausend anderen Gedanken: Werde ich mitgehen, nach London und Paris, Singapur oder Brüssel? Wie gelingt mir der Berufsstart am besten? Wie kann ich Beruf und Kinder ausbalancieren?
Und jetzt gerade: Will ich nochmal irgendwann für eine Weile in den Tag hineinleben? Noch mal kurz zurück? Geht das denn?