So langsam kommt es. Der Kloß im Hals, das dumpfe Gefühl um die Magengegend herum. Beim nächtlichen Nachhauseweg, beim Sterneschauen und Teetrinken mit dem liebsten Ex-Nachbarn, beim Tiefer-in-den-Sitz-Rutschen in der Cinemateque, beim dreisprachigen Durcheinanderschwätzen und Lachen, draußen vor dem Lieblings-Lesecafé.
In anderthalb Wochen ziehe ich meinen Hut.
Seltsam wird das werden, natürlich. Wie immer, wenn man weiter zieht. Dieses Mal aber auch seltsam gut. Im Sinne von: ausreichend, genug, wohlig warm zufrieden. Die guten Menschen werden mir sehr viel mehr fehlen als anderswo. In nur vier Monaten haben sich doch tatsächlich eine Handvoll Freunde fürs Leben ergeben. Ein weiteres unverrückbares Stück Familie.
Seguro, ya echo de menos a ellos. Die Sprache wird mir furchtbar fehlen. Wie die wirren Gespräche im Waschsalon. Selbst ein Stück vom wahnsinnigen Juli – selbstredend nicht alles aus jenen Wochen. Den Wahnsinn im eigenen Kopf, auf den kann ich gut und gerne verzichten, für immer sogar. Auf den Grund für all das nicht mehr, auch das steht fest.
Bereits mit der Ankunft in der Hohenhausener Diskothek/Behausung war erkennbar: der Irrsinn hat Einzug gehalten. Und er wird solange bleiben, bis er gegen etwas Realeres eingetauscht werden kann.
Und nun meine kühne Behauptung: nach vier Monaten ist es vielleicht soweit. Es dreht sich nichts mehr im Kreis, mir ist nicht mehr übel. Ich kann ohne Probleme geradeaus laufen und sehe auch alles links und rechts ziemlich deutlich.
Genug der albernen Bilder. Will sagen: in vier Monaten kann unglaublich viel passieren, mehr als mir lieb war. Aber gerade genug, um wieder neu anzufangen, in einem neuen Stück Leben.
Rejoindre.
Seit heute sogar auch die Freude auf Deutschland (vor drei Monaten dachte ich noch, ich hätte Germanien für Jahre den Rücken gekehrt…), oder zumindest auf ein paar deutsche Errungenschaften: ein sich zwar langsam, aber dennoch beständig drehender Bürokratieapparat, der zumindest Fragen nicht mit Schulterzucken und bis achtzehn Uhr verlängerter Mittagspause beantwortet. Türkischstämmige Einwanderer – mit Handkuss werde ich euch begegnen wenn ihr mir das nächste Mal Schnecke, Süße oder Alte hinterher ruft. Ob ihr dümmer als die deutschen Idioten seid, weiß ich nicht. Aber keiner von euch hat bisher versucht, meine Handtasche zu klauen. Und dabei hatte ich mir Marokko immer so schön vorgestellt…Zu guter letzt: das deutsche Gesundheitssystem – möge es uns noch viele Jahre erhalten bleiben. Zumindest musste ich in Deutschland niemals vier Stunden auf eine Urinprobe warten, um dann fünfundvierzig Euro für drei Pillen zu bezahlen. Jeder Hohenhausener zahlt übrigens zwanzig Prozent Selbstbeteiligung für jede Art medizinischer Versorgung, egal, welche Art von Versicherung er hat.
„So what do you do when you have to go to hospital?“
“You don’t go to hospital if you don’t have cancer.”
Interessant und nur am Rande. Ob das ausreichend Gründe sind, um ein Leben in Deutschland zu planen, sei dahin gestellt.
Am meisten jedoch freue ich mich gerade auf das große Stück Normalitätskuchen. Auf ein furchtbar langweilig geregeltes Leben, auf ein bisschen Einheitsbrei. Nicht zu viel, versteht sich. Aber zumindest auf: ein richtiges Zimmer statt Besenkammer. Auf Kochen statt Mitraillette und Falafel jeden Tag. Auf „Hey, schön, dich zu sehen!“ statt „So, you like to fuck, huh?“
Und auf das gleichzeitige Wissen um die Gutmenschen hier in diesem Zirkus, in dem die Affen überall hin scheißen. Die Reunion ist für Dezember angesetzt, bis dahin werde ich mich dann auch wieder auf stinkende Affenscheiße freuen können.
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