Sonntag, 19. September 2010

Exkurs - die Schlechtigkeit der Menschen

Zunächst: die letzten beiden Tage waren pure Sonne, Schönheit in Reinform. Waren strahlende Kinderaugen, schallendes Gelächter und Tanzen durch die Straßen von Saint-Gery.
Von all dem Glück und der warmen Zufriedenheit im Magen geradezu erschöpft, wollten wir heute Abend den Heimweg antreten. Da sah die liebe Mitbewohnerin doch einen Mann auf der Straße liegen und eilte hin. Man stelle sich vor: wir befanden uns auf einem großen Platz, zuvor hatte eine Band gespielt, alles voll mit Menschen. Wir waren die einzigen, die auf den Mann reagierten. Der Grund: es handelte sich um einen Obdachlosen.
Als wir zu ihm kommen, übergibt er sich im Sekundentakt, kann sich im Sitzen kaum aufrecht halten. Wir sprechen ihn an, doch er reagiert nicht. Also suchen wir - mitten auf dieser Großveranstaltung - Polizei und/oder Ambulanz. Wir werden schnell fündig, gibt es in Hohenhausen doch an jeder Ecke zwanzig Bullen. Ich schildere nun aufgeregt die Situation, bitte um schnelles Rufen eines Krankenwagens.
"Jaja, ist schon gut. Der ist jeden Tag hier."
Da schlucke ich schon. Wir reden nun alle drei - etwas ruhiger - auf die Blauhutträger ein. Irgendwann wird es mir zu dumm und ich laufe zurück zu dem Mann. Der ist mittlerweile bewusstlos. Ich packe ihn an den Schultern und versuche, seinen Oberkörper hochzuheben. Da bemerke ich die vielen Narben und Blutergüsse in seinem Gesicht. Er muss furchtbar oft hinfallen, mitten aufs Gesicht. Ich rede auf ihn ein, versuche ihn zu schütteln. Da kommt mir eine junge Frau zu Hilfe. Nun schlägt der Mann die Augen wieder auf und schaut mich direkt an, starrt geradezu. Jetzt fühle ich mich richtig richtig hilflos.
Meinen beiden liebsten Mitbewohnerinnen ist es nun auch gelungen, diese faulen Hutträger dazu zu bewegen, sich die Situation anzuschauen.
"Dem geht es doch gut", dazu ein Grinsen. Das ist die Antwort auf mein nochmaliges Flehen um einen Krankenwagen. Man muss an dieser Stelle einwerfen, dass wir darauf bestehen, die Ambulanz von den Polizisten rufen zu lassen, da wir glauben, selbst keinen Krankenwagen rufen zu können. Wir befürchten, man werde am Telefon sofort fragen, um wen es sich handelt. Ein Obdachloser hat im Normalfall keine Krankenversicherung, würde in Hohenhausen also nicht behandelt werden. Unser Misstrauen ist begründet, soviel nur dazu.
Der Mann liegt nun wieder am Boden, in seinem eigenen Erbrochenen. Ich schreie mittlerweile, kann mich kein bisschen mehr beherrschen. Es sei mir scheißegal, ob er jeden Tag hier sei. Wenn sie uns nicht helfen würden, würde der Mann heute vielleicht hier auf der Straße sterben.
So ging das ungefähr eine halbe Stunde. Durch unser Geschrei kamen schließlich noch ein paar Leute hinzu, die durch ihr Herumstehen und Glotzen die Blaumänner endlich zum Anruf bewegen.
Der Krankenwagen kommt, die Sanitäter schauen sich den Mann kurz an, steigen unverrichteter Dinge wieder in ihren Wagen, winken den Polizisten und fahren ab.
'Schock' steht dick und fett auf meiner Stirn geschrieben.

"Sie müssen das verstehen. Jeden Tag sitzt er hier. Er will es doch nicht anders."

Ich bin mir nicht sicher, ob der Mann mittlerweile schläft oder wieder bewusstlos ist. Mir geistert die Frage durch den Kopf, ob er wohl heute Nacht hier auf dieser Straße sterben wird. Wenn nicht heute, dann in den nächsten Tagen.

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