Die Idee von der Normalität war Utopie. Schöne Utopie. Aber Schwachsinn.
Gestern Abend die Wiederkehr ins Mösle. Nach gefühlten drei Tagen Zugfahrt und viel zu heftigen Entwicklungen in zwei kurzen Wochen schälte ich meinen festgewachsenen Hintern aus dem Sitz und torkelte mit zu viel Gepäck gen Ausgang. Nebel, grau, dunkel, kalt. Kam mir irgendwie entgegen. Später dann Telefonat mit der weisesten aller Mütter: "Du kannst doch nicht dein ganzes Leben im Voraus planen! Du bist eben nicht so wie die. Das kommt schon alles irgendwie und irgendwann." Danke.
Normalität muss also gar nicht der angestrebte Zustand sein? Das wäre ein Fortschritt. Nicht mehr dem hinterherlaufen, was sowieso nicht auf einen wartet. Die Konstanz im Leben als dümmlicher Trugschluss (ein Hohn in Anbetracht des neblig-grauen Wohnortes).
Wieso haben die letzten zwei Wochen aber nicht zumindest ein bisschen davon gebracht? Im Mindesten: Sicherheit, Wissen, Beständigkeit im Verfolgen des Plans. Es gibt keinen Plan, alles immer wieder umgeworfen. Manches wieder aufgebaut, vieles liegen gelassen, tot geglaubtes wieder hervor gegkramt. Ich frage gar nicht mehr, wo es her kommt; es ist eben da. Gut, besser als nichts.
Aber ist das denn richtig so? Wie das jetzt ist? Der Ur-Plan sah ja ganz anders aus. In dem standen Prinzipien. Ganz viele. "Wenn, dann..." "Auf keinen Fall..." "Sicher ist,..." Nichts bleibt. Alles steigt und fällt mit den Menschen, die den Alltag bestimmen, nicht mit denen, die man immer mit sich trägt. Das als neue Erkenntnis. Na wenigstens was.
Wenn nur nicht die ganz kurzen ganz dunklen oder ganz hellen Momente wären. Die, in denen ich mich sicher wähne. Einen Beschluss fasse und siegessicher in die Schlacht ziehe. In Momenten, in denen mir die Prinzipien wieder einfallen. Am nächsten Morgen dann alles wieder weg. Das einzige Prinzip: Hinterherlaufen. Das bleibt. Und wird zum Plan ausgebaut: Glück kommt mit Anpassung. Ganz sicher. Muss ja. Der Mensch ist ein Herdentier und ich bin ein Mensch. Umgeben von dummen Menschen, aber von Menschen.
Jakob von Üxgüll meinte, der Mensch sei das einzige Lebewesen mit durchbrochener Reiz-Reaktions-Kette. Unfug! Wenn alle rennen, renne ich hinterher. Ohne Reflexion über Alternativmöglichkeiten. Wer einmal nachdenkt, hört nicht mehr auf damit und bleibt für immer sitzen, während alle anderen schon ins Ziel eingelaufen sind. Ich soll den Zug zum Tor erkennen. Nicht verpassen. Wichtig. Gut Keule, das nächste Mal.
Seit zwei Wochen riecht es nach Veränderung. Ein beissender, stechender Geruch. Ich vermute alles auf Anfang. Hoffe aber inständig auf eine - gemäß der letzten Monate - konstante Entwicklung. Und habe NICHTS davo selbst in der Hand.
Sonntag, 9. Januar 2011
Montag, 13. Dezember 2010
if there's no one beside you when your soul embarks, then i will follow you into the dark
in genau zehn tagen werde ich mich freiwillig um 5.30 auf den weg machen - fort aus dem mösle, mit dem rucksack auf zum bahnhof. so gern ich dieses verschlafene nestlein auch mag - allen voran den kuhdung und das wiehern der pferde auf dem weg zur uni durch den wald - so geht doch nichts über das gefühl des aufbruchs; die fahrt zum bahnhof, das einsteigen in einen zug, fahren, weiter, bewegung, veränderung.
it seems farther than ever before
auch das ein gutes gefühl. heimat als ort ist nicht mehr da, umso schöner dann die rückkehr zu dem, wo mal heimat war. alte gerüche, stimmen, gewohnheiten, gedanken und dann ein schmunzeln über die zeit, die so rast. dieses mal ist es eine woche. wenn ich den rucksack wieder aufsetze, auf dem weg zum nächsten bahnhof noch einmal über die schulter schaue, werden sieben tage sein wie exakt einmal einatmen und ausatmen. im nächsten zug dann wieder das klamme gefühl: wieso das nur alles? das vergisst du immer wieder. wann sieht man sich wieder, in sechs monaten, in einem jahr? nein, nächstes jahr an weihnachten gar kein wiedersehen, also zwei jahre? absurd, zumindest in diesem moment. und dann? auch zwei jahre machen keinen unterschied. das leben geht weiter. die menschen bleiben aber doch. heiraten, kriegen kinder, leben in einem anderen land. und lachen noch immer über die selben witze, trinken das gleiche bier, freuen sich ehrlich, die freundin wieder zu sehen.
i've missed you a lot - das muss nicht gesagt werden und tut doch unendlich gut. werden wir uns nun alle für den rest unseres lebens vermissen? ein schönes gefühl, das wissen um die anderen. dennoch läuft es wieder auf das gleiche endziel hinaus: ankommen. mit jemandem, bei jemandem, teilen, teilhaben, abgeben. und der andere? kommt der am gleichen ort an, will der doch noch weiter? kann ich bleiben, will ich bleiben? bleibt die entscheidung? und der andere?
familie bedeutet so unglaublich viel, in schlaflosen nächten bisweilen auch alles. und kann dennoch nichts garantieren, nichts vorhersehen, nicht mal planen.
zehn tage vor der abreise wieder dieser schöne alte gedanke aus kindertagen: ein großes haus, eine alte villa natürlich. ein garten, ein see, neun freunde. kinderlachen, erwachsenenlachen, wissen um die ewigkeit. keine züge mehr.
it seems farther than ever before
auch das ein gutes gefühl. heimat als ort ist nicht mehr da, umso schöner dann die rückkehr zu dem, wo mal heimat war. alte gerüche, stimmen, gewohnheiten, gedanken und dann ein schmunzeln über die zeit, die so rast. dieses mal ist es eine woche. wenn ich den rucksack wieder aufsetze, auf dem weg zum nächsten bahnhof noch einmal über die schulter schaue, werden sieben tage sein wie exakt einmal einatmen und ausatmen. im nächsten zug dann wieder das klamme gefühl: wieso das nur alles? das vergisst du immer wieder. wann sieht man sich wieder, in sechs monaten, in einem jahr? nein, nächstes jahr an weihnachten gar kein wiedersehen, also zwei jahre? absurd, zumindest in diesem moment. und dann? auch zwei jahre machen keinen unterschied. das leben geht weiter. die menschen bleiben aber doch. heiraten, kriegen kinder, leben in einem anderen land. und lachen noch immer über die selben witze, trinken das gleiche bier, freuen sich ehrlich, die freundin wieder zu sehen.
i've missed you a lot - das muss nicht gesagt werden und tut doch unendlich gut. werden wir uns nun alle für den rest unseres lebens vermissen? ein schönes gefühl, das wissen um die anderen. dennoch läuft es wieder auf das gleiche endziel hinaus: ankommen. mit jemandem, bei jemandem, teilen, teilhaben, abgeben. und der andere? kommt der am gleichen ort an, will der doch noch weiter? kann ich bleiben, will ich bleiben? bleibt die entscheidung? und der andere?
familie bedeutet so unglaublich viel, in schlaflosen nächten bisweilen auch alles. und kann dennoch nichts garantieren, nichts vorhersehen, nicht mal planen.
zehn tage vor der abreise wieder dieser schöne alte gedanke aus kindertagen: ein großes haus, eine alte villa natürlich. ein garten, ein see, neun freunde. kinderlachen, erwachsenenlachen, wissen um die ewigkeit. keine züge mehr.
Mittwoch, 20. Oktober 2010
Große weiße Vögel
Sehe ich jeden Tag. Kaum zu fassen, was so ein Stück Beständigkeit doch machen kann, wenn man es lässt. Nach gut zwei Wochen süddeutscher Enklave bin ich geradezu überwältigt von soviel Normalität. Mit Ausnahme eines Abends, an dem sich das Bewusstsein für meine Begriffe etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, ist jeder Tag gerade gut, ausgesprochen gut. Ist es sogar gut, bis nachts hunderte Seiten altdeutschen Rechtstexts aus dem 17. Jahrhundert zu lesen, sich mit so perfiden Dingen wie Juristerei und Betriebswirtschaft auseinanderzusetzen. Lässt auch nach acht Stunden Seminaren der gescheite Herr Luhmann mir noch die Augen glitzern.
Innerhalb weniger Tage habe ich Pisse an Häuserwänden und Straßenlärm-Dauerbeschallung gegen Wald und Wiese eingetauscht, Fritten vom Marokkaner um die Ecke gegen den Bioladen am See, Saufen und Kiffen gegen Lesen Lesen Lesen. Ein ganzer Batzen Gegensätze, zwei Leben, zwei Alltage.
Herrlich: alles hat seine Zeit, tatsächlich. Da war die Stadt, die wirklich nie schlief, die mir richtige eigentliche Kultur gegen den Schädel geschleudert hat, London mein Herz. Einverleibt, Einverschrieben, Vergeistigt. Dann dieser Zirkus, dieses stinkende Affenhaus, in dem jeder Tag ein Stückchen Kindheit mitgebracht hat. Gleichzeitig einen ganzen Dachboden voll mit Kisten: Reflexion, Bewältigung, Restaurierung. Am Schluss wirkliche Freunde fürs Leben, die dritte Familie. Und nun? Der Wahnsinn der letzten sechs Monate kann sacken, das neue Ziel aber schon klar vor Augen.
Die einzige Beständigkeit: 24 Stunden können unglaublich viel ausmachen, sollten nie ungenutzt bleiben, werden ausgekratzt bis zum letzten Rest.
Abschnitte, Phasen, Momente, einer nach dem anderen. Dieser hier nun beinahe lang, intensiv. In neun Monaten packe ich erst wieder die Koffer. Hiersein ist gerade schön, tatsächlich hinreichend und gut.
Innerhalb weniger Tage habe ich Pisse an Häuserwänden und Straßenlärm-Dauerbeschallung gegen Wald und Wiese eingetauscht, Fritten vom Marokkaner um die Ecke gegen den Bioladen am See, Saufen und Kiffen gegen Lesen Lesen Lesen. Ein ganzer Batzen Gegensätze, zwei Leben, zwei Alltage.
Herrlich: alles hat seine Zeit, tatsächlich. Da war die Stadt, die wirklich nie schlief, die mir richtige eigentliche Kultur gegen den Schädel geschleudert hat, London mein Herz. Einverleibt, Einverschrieben, Vergeistigt. Dann dieser Zirkus, dieses stinkende Affenhaus, in dem jeder Tag ein Stückchen Kindheit mitgebracht hat. Gleichzeitig einen ganzen Dachboden voll mit Kisten: Reflexion, Bewältigung, Restaurierung. Am Schluss wirkliche Freunde fürs Leben, die dritte Familie. Und nun? Der Wahnsinn der letzten sechs Monate kann sacken, das neue Ziel aber schon klar vor Augen.
Die einzige Beständigkeit: 24 Stunden können unglaublich viel ausmachen, sollten nie ungenutzt bleiben, werden ausgekratzt bis zum letzten Rest.
Abschnitte, Phasen, Momente, einer nach dem anderen. Dieser hier nun beinahe lang, intensiv. In neun Monaten packe ich erst wieder die Koffer. Hiersein ist gerade schön, tatsächlich hinreichend und gut.
Sonntag, 19. September 2010
Exkurs - die Schlechtigkeit der Menschen
Zunächst: die letzten beiden Tage waren pure Sonne, Schönheit in Reinform. Waren strahlende Kinderaugen, schallendes Gelächter und Tanzen durch die Straßen von Saint-Gery.
Von all dem Glück und der warmen Zufriedenheit im Magen geradezu erschöpft, wollten wir heute Abend den Heimweg antreten. Da sah die liebe Mitbewohnerin doch einen Mann auf der Straße liegen und eilte hin. Man stelle sich vor: wir befanden uns auf einem großen Platz, zuvor hatte eine Band gespielt, alles voll mit Menschen. Wir waren die einzigen, die auf den Mann reagierten. Der Grund: es handelte sich um einen Obdachlosen.
Als wir zu ihm kommen, übergibt er sich im Sekundentakt, kann sich im Sitzen kaum aufrecht halten. Wir sprechen ihn an, doch er reagiert nicht. Also suchen wir - mitten auf dieser Großveranstaltung - Polizei und/oder Ambulanz. Wir werden schnell fündig, gibt es in Hohenhausen doch an jeder Ecke zwanzig Bullen. Ich schildere nun aufgeregt die Situation, bitte um schnelles Rufen eines Krankenwagens.
"Jaja, ist schon gut. Der ist jeden Tag hier."
Da schlucke ich schon. Wir reden nun alle drei - etwas ruhiger - auf die Blauhutträger ein. Irgendwann wird es mir zu dumm und ich laufe zurück zu dem Mann. Der ist mittlerweile bewusstlos. Ich packe ihn an den Schultern und versuche, seinen Oberkörper hochzuheben. Da bemerke ich die vielen Narben und Blutergüsse in seinem Gesicht. Er muss furchtbar oft hinfallen, mitten aufs Gesicht. Ich rede auf ihn ein, versuche ihn zu schütteln. Da kommt mir eine junge Frau zu Hilfe. Nun schlägt der Mann die Augen wieder auf und schaut mich direkt an, starrt geradezu. Jetzt fühle ich mich richtig richtig hilflos.
Meinen beiden liebsten Mitbewohnerinnen ist es nun auch gelungen, diese faulen Hutträger dazu zu bewegen, sich die Situation anzuschauen.
"Dem geht es doch gut", dazu ein Grinsen. Das ist die Antwort auf mein nochmaliges Flehen um einen Krankenwagen. Man muss an dieser Stelle einwerfen, dass wir darauf bestehen, die Ambulanz von den Polizisten rufen zu lassen, da wir glauben, selbst keinen Krankenwagen rufen zu können. Wir befürchten, man werde am Telefon sofort fragen, um wen es sich handelt. Ein Obdachloser hat im Normalfall keine Krankenversicherung, würde in Hohenhausen also nicht behandelt werden. Unser Misstrauen ist begründet, soviel nur dazu.
Der Mann liegt nun wieder am Boden, in seinem eigenen Erbrochenen. Ich schreie mittlerweile, kann mich kein bisschen mehr beherrschen. Es sei mir scheißegal, ob er jeden Tag hier sei. Wenn sie uns nicht helfen würden, würde der Mann heute vielleicht hier auf der Straße sterben.
So ging das ungefähr eine halbe Stunde. Durch unser Geschrei kamen schließlich noch ein paar Leute hinzu, die durch ihr Herumstehen und Glotzen die Blaumänner endlich zum Anruf bewegen.
Der Krankenwagen kommt, die Sanitäter schauen sich den Mann kurz an, steigen unverrichteter Dinge wieder in ihren Wagen, winken den Polizisten und fahren ab.
'Schock' steht dick und fett auf meiner Stirn geschrieben.
"Sie müssen das verstehen. Jeden Tag sitzt er hier. Er will es doch nicht anders."
Ich bin mir nicht sicher, ob der Mann mittlerweile schläft oder wieder bewusstlos ist. Mir geistert die Frage durch den Kopf, ob er wohl heute Nacht hier auf dieser Straße sterben wird. Wenn nicht heute, dann in den nächsten Tagen.
Von all dem Glück und der warmen Zufriedenheit im Magen geradezu erschöpft, wollten wir heute Abend den Heimweg antreten. Da sah die liebe Mitbewohnerin doch einen Mann auf der Straße liegen und eilte hin. Man stelle sich vor: wir befanden uns auf einem großen Platz, zuvor hatte eine Band gespielt, alles voll mit Menschen. Wir waren die einzigen, die auf den Mann reagierten. Der Grund: es handelte sich um einen Obdachlosen.
Als wir zu ihm kommen, übergibt er sich im Sekundentakt, kann sich im Sitzen kaum aufrecht halten. Wir sprechen ihn an, doch er reagiert nicht. Also suchen wir - mitten auf dieser Großveranstaltung - Polizei und/oder Ambulanz. Wir werden schnell fündig, gibt es in Hohenhausen doch an jeder Ecke zwanzig Bullen. Ich schildere nun aufgeregt die Situation, bitte um schnelles Rufen eines Krankenwagens.
"Jaja, ist schon gut. Der ist jeden Tag hier."
Da schlucke ich schon. Wir reden nun alle drei - etwas ruhiger - auf die Blauhutträger ein. Irgendwann wird es mir zu dumm und ich laufe zurück zu dem Mann. Der ist mittlerweile bewusstlos. Ich packe ihn an den Schultern und versuche, seinen Oberkörper hochzuheben. Da bemerke ich die vielen Narben und Blutergüsse in seinem Gesicht. Er muss furchtbar oft hinfallen, mitten aufs Gesicht. Ich rede auf ihn ein, versuche ihn zu schütteln. Da kommt mir eine junge Frau zu Hilfe. Nun schlägt der Mann die Augen wieder auf und schaut mich direkt an, starrt geradezu. Jetzt fühle ich mich richtig richtig hilflos.
Meinen beiden liebsten Mitbewohnerinnen ist es nun auch gelungen, diese faulen Hutträger dazu zu bewegen, sich die Situation anzuschauen.
"Dem geht es doch gut", dazu ein Grinsen. Das ist die Antwort auf mein nochmaliges Flehen um einen Krankenwagen. Man muss an dieser Stelle einwerfen, dass wir darauf bestehen, die Ambulanz von den Polizisten rufen zu lassen, da wir glauben, selbst keinen Krankenwagen rufen zu können. Wir befürchten, man werde am Telefon sofort fragen, um wen es sich handelt. Ein Obdachloser hat im Normalfall keine Krankenversicherung, würde in Hohenhausen also nicht behandelt werden. Unser Misstrauen ist begründet, soviel nur dazu.
Der Mann liegt nun wieder am Boden, in seinem eigenen Erbrochenen. Ich schreie mittlerweile, kann mich kein bisschen mehr beherrschen. Es sei mir scheißegal, ob er jeden Tag hier sei. Wenn sie uns nicht helfen würden, würde der Mann heute vielleicht hier auf der Straße sterben.
So ging das ungefähr eine halbe Stunde. Durch unser Geschrei kamen schließlich noch ein paar Leute hinzu, die durch ihr Herumstehen und Glotzen die Blaumänner endlich zum Anruf bewegen.
Der Krankenwagen kommt, die Sanitäter schauen sich den Mann kurz an, steigen unverrichteter Dinge wieder in ihren Wagen, winken den Polizisten und fahren ab.
'Schock' steht dick und fett auf meiner Stirn geschrieben.
"Sie müssen das verstehen. Jeden Tag sitzt er hier. Er will es doch nicht anders."
Ich bin mir nicht sicher, ob der Mann mittlerweile schläft oder wieder bewusstlos ist. Mir geistert die Frage durch den Kopf, ob er wohl heute Nacht hier auf dieser Straße sterben wird. Wenn nicht heute, dann in den nächsten Tagen.
Mittwoch, 15. September 2010
En fait...je sais plus - a tout le moins pour maintenant
So langsam kommt es. Der Kloß im Hals, das dumpfe Gefühl um die Magengegend herum. Beim nächtlichen Nachhauseweg, beim Sterneschauen und Teetrinken mit dem liebsten Ex-Nachbarn, beim Tiefer-in-den-Sitz-Rutschen in der Cinemateque, beim dreisprachigen Durcheinanderschwätzen und Lachen, draußen vor dem Lieblings-Lesecafé.
In anderthalb Wochen ziehe ich meinen Hut.
Seltsam wird das werden, natürlich. Wie immer, wenn man weiter zieht. Dieses Mal aber auch seltsam gut. Im Sinne von: ausreichend, genug, wohlig warm zufrieden. Die guten Menschen werden mir sehr viel mehr fehlen als anderswo. In nur vier Monaten haben sich doch tatsächlich eine Handvoll Freunde fürs Leben ergeben. Ein weiteres unverrückbares Stück Familie.
Seguro, ya echo de menos a ellos. Die Sprache wird mir furchtbar fehlen. Wie die wirren Gespräche im Waschsalon. Selbst ein Stück vom wahnsinnigen Juli – selbstredend nicht alles aus jenen Wochen. Den Wahnsinn im eigenen Kopf, auf den kann ich gut und gerne verzichten, für immer sogar. Auf den Grund für all das nicht mehr, auch das steht fest.
Bereits mit der Ankunft in der Hohenhausener Diskothek/Behausung war erkennbar: der Irrsinn hat Einzug gehalten. Und er wird solange bleiben, bis er gegen etwas Realeres eingetauscht werden kann.
Und nun meine kühne Behauptung: nach vier Monaten ist es vielleicht soweit. Es dreht sich nichts mehr im Kreis, mir ist nicht mehr übel. Ich kann ohne Probleme geradeaus laufen und sehe auch alles links und rechts ziemlich deutlich.
Genug der albernen Bilder. Will sagen: in vier Monaten kann unglaublich viel passieren, mehr als mir lieb war. Aber gerade genug, um wieder neu anzufangen, in einem neuen Stück Leben.
Rejoindre.
Seit heute sogar auch die Freude auf Deutschland (vor drei Monaten dachte ich noch, ich hätte Germanien für Jahre den Rücken gekehrt…), oder zumindest auf ein paar deutsche Errungenschaften: ein sich zwar langsam, aber dennoch beständig drehender Bürokratieapparat, der zumindest Fragen nicht mit Schulterzucken und bis achtzehn Uhr verlängerter Mittagspause beantwortet. Türkischstämmige Einwanderer – mit Handkuss werde ich euch begegnen wenn ihr mir das nächste Mal Schnecke, Süße oder Alte hinterher ruft. Ob ihr dümmer als die deutschen Idioten seid, weiß ich nicht. Aber keiner von euch hat bisher versucht, meine Handtasche zu klauen. Und dabei hatte ich mir Marokko immer so schön vorgestellt…Zu guter letzt: das deutsche Gesundheitssystem – möge es uns noch viele Jahre erhalten bleiben. Zumindest musste ich in Deutschland niemals vier Stunden auf eine Urinprobe warten, um dann fünfundvierzig Euro für drei Pillen zu bezahlen. Jeder Hohenhausener zahlt übrigens zwanzig Prozent Selbstbeteiligung für jede Art medizinischer Versorgung, egal, welche Art von Versicherung er hat.
„So what do you do when you have to go to hospital?“
“You don’t go to hospital if you don’t have cancer.”
Interessant und nur am Rande. Ob das ausreichend Gründe sind, um ein Leben in Deutschland zu planen, sei dahin gestellt.
Am meisten jedoch freue ich mich gerade auf das große Stück Normalitätskuchen. Auf ein furchtbar langweilig geregeltes Leben, auf ein bisschen Einheitsbrei. Nicht zu viel, versteht sich. Aber zumindest auf: ein richtiges Zimmer statt Besenkammer. Auf Kochen statt Mitraillette und Falafel jeden Tag. Auf „Hey, schön, dich zu sehen!“ statt „So, you like to fuck, huh?“
Und auf das gleichzeitige Wissen um die Gutmenschen hier in diesem Zirkus, in dem die Affen überall hin scheißen. Die Reunion ist für Dezember angesetzt, bis dahin werde ich mich dann auch wieder auf stinkende Affenscheiße freuen können.
In anderthalb Wochen ziehe ich meinen Hut.
Seltsam wird das werden, natürlich. Wie immer, wenn man weiter zieht. Dieses Mal aber auch seltsam gut. Im Sinne von: ausreichend, genug, wohlig warm zufrieden. Die guten Menschen werden mir sehr viel mehr fehlen als anderswo. In nur vier Monaten haben sich doch tatsächlich eine Handvoll Freunde fürs Leben ergeben. Ein weiteres unverrückbares Stück Familie.
Seguro, ya echo de menos a ellos. Die Sprache wird mir furchtbar fehlen. Wie die wirren Gespräche im Waschsalon. Selbst ein Stück vom wahnsinnigen Juli – selbstredend nicht alles aus jenen Wochen. Den Wahnsinn im eigenen Kopf, auf den kann ich gut und gerne verzichten, für immer sogar. Auf den Grund für all das nicht mehr, auch das steht fest.
Bereits mit der Ankunft in der Hohenhausener Diskothek/Behausung war erkennbar: der Irrsinn hat Einzug gehalten. Und er wird solange bleiben, bis er gegen etwas Realeres eingetauscht werden kann.
Und nun meine kühne Behauptung: nach vier Monaten ist es vielleicht soweit. Es dreht sich nichts mehr im Kreis, mir ist nicht mehr übel. Ich kann ohne Probleme geradeaus laufen und sehe auch alles links und rechts ziemlich deutlich.
Genug der albernen Bilder. Will sagen: in vier Monaten kann unglaublich viel passieren, mehr als mir lieb war. Aber gerade genug, um wieder neu anzufangen, in einem neuen Stück Leben.
Rejoindre.
Seit heute sogar auch die Freude auf Deutschland (vor drei Monaten dachte ich noch, ich hätte Germanien für Jahre den Rücken gekehrt…), oder zumindest auf ein paar deutsche Errungenschaften: ein sich zwar langsam, aber dennoch beständig drehender Bürokratieapparat, der zumindest Fragen nicht mit Schulterzucken und bis achtzehn Uhr verlängerter Mittagspause beantwortet. Türkischstämmige Einwanderer – mit Handkuss werde ich euch begegnen wenn ihr mir das nächste Mal Schnecke, Süße oder Alte hinterher ruft. Ob ihr dümmer als die deutschen Idioten seid, weiß ich nicht. Aber keiner von euch hat bisher versucht, meine Handtasche zu klauen. Und dabei hatte ich mir Marokko immer so schön vorgestellt…Zu guter letzt: das deutsche Gesundheitssystem – möge es uns noch viele Jahre erhalten bleiben. Zumindest musste ich in Deutschland niemals vier Stunden auf eine Urinprobe warten, um dann fünfundvierzig Euro für drei Pillen zu bezahlen. Jeder Hohenhausener zahlt übrigens zwanzig Prozent Selbstbeteiligung für jede Art medizinischer Versorgung, egal, welche Art von Versicherung er hat.
„So what do you do when you have to go to hospital?“
“You don’t go to hospital if you don’t have cancer.”
Interessant und nur am Rande. Ob das ausreichend Gründe sind, um ein Leben in Deutschland zu planen, sei dahin gestellt.
Am meisten jedoch freue ich mich gerade auf das große Stück Normalitätskuchen. Auf ein furchtbar langweilig geregeltes Leben, auf ein bisschen Einheitsbrei. Nicht zu viel, versteht sich. Aber zumindest auf: ein richtiges Zimmer statt Besenkammer. Auf Kochen statt Mitraillette und Falafel jeden Tag. Auf „Hey, schön, dich zu sehen!“ statt „So, you like to fuck, huh?“
Und auf das gleichzeitige Wissen um die Gutmenschen hier in diesem Zirkus, in dem die Affen überall hin scheißen. Die Reunion ist für Dezember angesetzt, bis dahin werde ich mich dann auch wieder auf stinkende Affenscheiße freuen können.
Donnerstag, 9. September 2010
The dark Roman wine in my bloodstream
Der sorgt für Wärme und Behaglichkeit, für gerötete Wangen, ein bisschen für Zufriedenheit. Jetzt gerade auch für Kraft, für ganz viel Gewissheit um die Möglichkeiten.
Denn beim Zusammensitzen mit den drei verbleibenden lieben Menschen wird gerade klar: Die Entscheidungskompetenz liegt doch mehr bei jedem Einzelnen als man (spezieller: ich) so manches Mal wahrhaben möchte. Sicher, da muss man differenzieren, eingrenzen. Es gibt die böse Genetik, die (von mir gern als Totschlagargument missbraucht und momentan ja gerade in aller Munde) Stärke und Schwäche nicht immer ganz gerecht verteilt. Und es gibt das Leben, das Schicksal oder wie man Glück und Leid sonst zusammenfassen mag.
Und dann gibt es aber die Möglichkeit, die gibt es für jeden. Die bleibt einem lange erhalten, kommt zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben immer mal wieder. In unterschiedlicher Ausprägung, manchmal gar nur als schlechter Witz. Aber bis sie ganz fern bleibt, da muss der Betreffende ihr schon ordentlich vor die Füße spucken, zimperlich ist sie nämlich ganz bestimmt nicht.
So haben - beim Lunzen um den kleinen Tisch herum - wir alle vier sogar mehrere Möglichkeiten. Sie sind nicht bei jedem gleich verteilt, aber keiner geht leer aus. Umso mehr verärgert es mich, wenn einer die Möglichkeit ignoriert, die da laut an die Zimmertüre pocht. Aus Feigheit, aus Schwäche, aus Scheiße (der Rotwein erhitzt nicht nur die Wangen, sondern auch das Gemüt).
For the self, for the heat, for no reason.
Veränderung ist gut, meistens jedenfalls. Stagnation ist zumindest immer und prinzipiell schlecht. Und wenn sie mit Unvernunft und Leichtsinn einhergeht, dann nützen auch gute Freunde nichts mehr. Kein "du sollst", nur noch "du musst" vom Kreise der Freunde. Ein müdes Nicken, den Fatalismus mit Löffeln gefressen.
Stets Bewunderung, stilles Glück um das Kennen der Freundin empfunden. Das bleibt auch, ist schon als Konstante gespeichert. In den letzten Tagen und Wochen aber immer mehr auch: Sorge, Angst und Ärger für die Betreffende. Wann gibt es denn ein tatsächliches Zu-Spät? Ist da ein greifbarer Zeitpunkt, eine Lebensphase, im konkreten Fall gar ein organischer Zustand, der das Urteil fällt? Kann das Leben dann für einen entscheiden, den Betreffenden entmündigen?
I can't help but thinking that the day hasn't shown all his cards.
Vorgeworfen wird mir kindliche Naivität, wenn ich alle Urteile bestreite und an der Möglichkeit der Möglichkeit festhalte. Auch das eigene Glück wird mir vor Augen geführt: "That's why I admire you. In the end you always get what you want." In the end, aha.
So glaube ich doch tatsächlich, dass nichts vorbei ist, solange das Herz noch schlägt und der Kopf noch arbeitet. Schwerer wird es, ganz sicher. Und der Möglichkeitenkatalog kann ganz schnell auf Menü A oder B zusammenschrumpfen. Dann besteht aber immer noch die Möglichkeit. Zur Entscheidung.
Picking out all the stars that we like.
Ein Kuss auf die Stirn. „Der Wind steht gut, es ist nicht zu spät.“ Traurig gehe ich zu Bett; es ist zumindest so spät, dass wir lange in die ganz schön schwarze Nacht hinausgeschaut haben. Danke für die Stunden. Für jeden Moment zusammen. Möchte ich sagen, traue mich aber nicht. Denn das zeigt ja doch wieder, wie spät es schon ist. „Let’s not retrace any of it.“ Sage ich stattdessen. In der Gewissheit um den festen, unverwüstlichen Platz, den dieser besondere Mensch in meinem Leben hat und haben wird. In zwei Wochen wird die gemeinsame Zeit, das stete Beieinander jäh beendet. Ganz genau schaue ich mir ihr Gesicht in diesen Tagen an: diese manchmal ziemlich dreiste Fratze, die fremde Männer nachts auf der Straße anschreit, diese riesigen, eigentlich verdammt alten Augen, die trotz des Gesehenen seit dreißig Jahren Kinderaugen sind.
You smile as you pass me that night. As if it were too fragile to hold.
Meine liebe gute Mutter sagte früher immer, das Leben passiere eben manchmal einfach, da könne man dann gar nichts dagegen machen. Ja, liebe Maman, aber das Leben muss man sich nicht immer gefallen lassen. Die Möglichkeit, die kommt am Ende doch. Für jeden. „You know, you don’t have to die from a heart attack if you don’t want to.“ Das erscheint mir gerade als der intelligenteste Satz der letzten Monate.
Denn beim Zusammensitzen mit den drei verbleibenden lieben Menschen wird gerade klar: Die Entscheidungskompetenz liegt doch mehr bei jedem Einzelnen als man (spezieller: ich) so manches Mal wahrhaben möchte. Sicher, da muss man differenzieren, eingrenzen. Es gibt die böse Genetik, die (von mir gern als Totschlagargument missbraucht und momentan ja gerade in aller Munde) Stärke und Schwäche nicht immer ganz gerecht verteilt. Und es gibt das Leben, das Schicksal oder wie man Glück und Leid sonst zusammenfassen mag.
Und dann gibt es aber die Möglichkeit, die gibt es für jeden. Die bleibt einem lange erhalten, kommt zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben immer mal wieder. In unterschiedlicher Ausprägung, manchmal gar nur als schlechter Witz. Aber bis sie ganz fern bleibt, da muss der Betreffende ihr schon ordentlich vor die Füße spucken, zimperlich ist sie nämlich ganz bestimmt nicht.
So haben - beim Lunzen um den kleinen Tisch herum - wir alle vier sogar mehrere Möglichkeiten. Sie sind nicht bei jedem gleich verteilt, aber keiner geht leer aus. Umso mehr verärgert es mich, wenn einer die Möglichkeit ignoriert, die da laut an die Zimmertüre pocht. Aus Feigheit, aus Schwäche, aus Scheiße (der Rotwein erhitzt nicht nur die Wangen, sondern auch das Gemüt).
For the self, for the heat, for no reason.
Veränderung ist gut, meistens jedenfalls. Stagnation ist zumindest immer und prinzipiell schlecht. Und wenn sie mit Unvernunft und Leichtsinn einhergeht, dann nützen auch gute Freunde nichts mehr. Kein "du sollst", nur noch "du musst" vom Kreise der Freunde. Ein müdes Nicken, den Fatalismus mit Löffeln gefressen.
Stets Bewunderung, stilles Glück um das Kennen der Freundin empfunden. Das bleibt auch, ist schon als Konstante gespeichert. In den letzten Tagen und Wochen aber immer mehr auch: Sorge, Angst und Ärger für die Betreffende. Wann gibt es denn ein tatsächliches Zu-Spät? Ist da ein greifbarer Zeitpunkt, eine Lebensphase, im konkreten Fall gar ein organischer Zustand, der das Urteil fällt? Kann das Leben dann für einen entscheiden, den Betreffenden entmündigen?
I can't help but thinking that the day hasn't shown all his cards.
Vorgeworfen wird mir kindliche Naivität, wenn ich alle Urteile bestreite und an der Möglichkeit der Möglichkeit festhalte. Auch das eigene Glück wird mir vor Augen geführt: "That's why I admire you. In the end you always get what you want." In the end, aha.
So glaube ich doch tatsächlich, dass nichts vorbei ist, solange das Herz noch schlägt und der Kopf noch arbeitet. Schwerer wird es, ganz sicher. Und der Möglichkeitenkatalog kann ganz schnell auf Menü A oder B zusammenschrumpfen. Dann besteht aber immer noch die Möglichkeit. Zur Entscheidung.
Picking out all the stars that we like.
Ein Kuss auf die Stirn. „Der Wind steht gut, es ist nicht zu spät.“ Traurig gehe ich zu Bett; es ist zumindest so spät, dass wir lange in die ganz schön schwarze Nacht hinausgeschaut haben. Danke für die Stunden. Für jeden Moment zusammen. Möchte ich sagen, traue mich aber nicht. Denn das zeigt ja doch wieder, wie spät es schon ist. „Let’s not retrace any of it.“ Sage ich stattdessen. In der Gewissheit um den festen, unverwüstlichen Platz, den dieser besondere Mensch in meinem Leben hat und haben wird. In zwei Wochen wird die gemeinsame Zeit, das stete Beieinander jäh beendet. Ganz genau schaue ich mir ihr Gesicht in diesen Tagen an: diese manchmal ziemlich dreiste Fratze, die fremde Männer nachts auf der Straße anschreit, diese riesigen, eigentlich verdammt alten Augen, die trotz des Gesehenen seit dreißig Jahren Kinderaugen sind.
You smile as you pass me that night. As if it were too fragile to hold.
Meine liebe gute Mutter sagte früher immer, das Leben passiere eben manchmal einfach, da könne man dann gar nichts dagegen machen. Ja, liebe Maman, aber das Leben muss man sich nicht immer gefallen lassen. Die Möglichkeit, die kommt am Ende doch. Für jeden. „You know, you don’t have to die from a heart attack if you don’t want to.“ Das erscheint mir gerade als der intelligenteste Satz der letzten Monate.
Donnerstag, 2. September 2010
Optimismus
Ganz selten trägt es sich doch tatsächlich so zu: Ganz ganz selten, da mag ich los laufen und mir einen Hut kaufen. Um ihn am nächsten Tag ganz stolz auf der Straße zu tragen. So wie heute.
Kommentar Elmar Brok MdEP
FOCUS - ursprüngliche Version
Europa ist kein Ort für Verschwörungen -
Eine Replik an Frederick Forsyth
Von Elmar Brok MdEP
"Europa als Verschwörung, die EU als Totengräberin der Demokratie - dieses düstere Bild zeichnete vergangene Woche an dieser Stelle der britische Romanautor Frederick Forsyth. Verbunden mit der Aufforderung an Deutschland "wieder aufzustehen", präsentierte Forsyth den EU-Gründervater Jean Monnet als diabolischen Spiritus Rector und Europas Institutionen als Hort einer dunklen Macht, die nichts mehr wünscht als dem Bürger jegliche politische Mitsprache zu entziehen.
Nun lassen sich Forsyths Ausführungen leicht als die blühende Phantasie eines lebensfernen Romanschreibers abtun, dessen Geschichten ihre eigene Realität entfaltet haben. Die Entscheider im realen Brüssel sind wohl kaum gleichzusetzen mit den Weltverschwörern, Gangstern und sonstigen Finsterlingen aus den "Tagen des Schakals" oder der "Akte Odessa".
Forsyth lebt in der Vergangenheit und versucht sich als großer Verführer der Deutschen. Dabei sind es die Mitgliedstaaten, die der EU ihre Kompetenzen verleihen - und notfalls wieder entziehen können. Die EU ist deshalb kein Empire, und Brüssel nicht das imperialistische London, allein schon weil jedes Land die EU durch eigene Entscheidung verlassen kann. Die Träger von Europas Souveränität sind die Nationalstaaten und mit ihnen die Regierungen und Parlamente in den einzelnen Hauptstädten.
Die EU-Kommission kommt nur nach Zustimmung der Regierungen und dem vom Volk gewählten Europäischen Parlament ins Amt, hat also eine doppelte demokratische Legitimation, wie das Bundesverfassungsgericht im Lissabon-Urteil festgestellt hat. Das Parlament kann die Kommission entlassen und hat dies bereits einmal erzwungen - und dazu schon mehrfach die Benennung einzelner Kommissare verhindert.
Das Europäische Parlament beschließt in einem Zwei-Kammer-System gleichberechtigt mit den nationalen Regierungen Europas Gesetze und seinen Haushalt. Nahezu alle Drittlandsverträge bedürfen der Ratifikation durch die Europaabgeordneten, wie im Februar die Ablehnung des SWIFT-Abkommens mit den USA bewies. Da für eine Mehrheit im Rat 55 Prozent der Staaten und 65 Prozent der Bevölkerung notwendig ist, steht Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern nicht so schlecht da.
Von Mangel an Demokratie kann da nicht die Rede sein, von Verschwörung erst recht nicht. Aber Forsyth will uns sowieso weismachen, dass die wahre Macht in Brüssel bei der EU-Kommission und der Verwaltung liege. Das würde dann auch wieder in einen Roman passen: der hinterhältige EU-Kommissar oder Europapolitiker, assistiert von niederträchtigen Gesellen, hintertreibt listig den arglosen Bürger bis dieser nichts mehr zu sagen hat in dieser Welt.
Vielleicht stört es Forsyth aber vielleicht auch nur, dass Europas Abgeordnete im Gegensatz zum britischen Unterhaus die eigene Tagesordnung selber festlegen können, ohne dabei von einem Premierminister jederzeit mit Auflösung bedroht werden zu können. Als mein Gast kann sich Frederick Forsyth in Brüssel und Straßburg diese Realität gerne ansehen.
Aufgestanden ist Deutschland wieder nach den physischen und moralischen Verwüstungen, dem Leid und der Schuld des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts, nur eben leider nicht in der Art und Weise wie Herr Forsyth sich das wohl vorstellt. Denn die EU ist ja gerade die Antwort auf den Bruderkampf der Nationalstaaten. Monnet, Schuman, Adenauer und Kohl haben über Hitler und Stalin gesiegt.
Die Vereinigten Staaten von Europa - ohne Britannien - forderte 1946 denn auch kein Geringerer als Großbritanniens Ex-Premier Winston Churchill in seiner Züricher Europarede und später im Europarat - eine Tatsache, die Großbritanniens Euroskeptiker gerne unter den dicksten aller Teppiche kehren möchten.
Für unser Land hier und heute aber hat Churchills weitsichtiger Appell nichts von seiner Dringlichkeit und Bedeutung verloren. Denn Europa ist kein Projekt der Vergangenheit, auch wenn die Debatte über Sinn und Zweck der EU auch heute noch viel zu sehr mit den Argumenten der letzten 60 Jahre geführt wird. Jean Monnet wollte mit der Montanunion Krieg und Diktatur unmöglich machen - das war sein Motiv. Der Kriegsverlierer Deutschland wurde exakt fünf Jahre nach Ende der Kämpfe als gleichberechtigter Partner eingeladen. Das Ziel, das nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft in Frankreich zunächst über die Wirtschaftsgemeinschaft und später über den Binnenmarkt und die Währungsunion weiterverfolgt wurde, ist heute auf wundervolle Weise erreicht. Fast ganz Europa lebt heute in Frieden, Freiheit und Wohlstand in einer Rechtsgemeinschaft zusammen. Deutschland ist vereint mit Zustimmung seiner Nachbarn in Frieden und Freiheit - erstmals in unserer Geschichte. Dazu haben der Binnenmarkt und die Stabilität Europas Deutschland als große Exportnation so sehr genützt, daß es unserem Land so gut geht wie nie zuvor in seiner Geschichte.
Warum also sollten wir uns vom englischen Nationalisten Forsyth in die Falle des Wilhelminismus locken lassen? Briten wie er lieben auch deshalb die EU nicht, weil sie in der Geschichte nur bei einem geteilten Kontinent das letzte Wort hatten. Deshalb möchten sie auch schnell die Türkei in die EU aufnehmen, um auf diese Weise die Gemeinschaft von innen zu schwächen.
Natürlich gibt es auch in der EU Fehlentwicklungen. Das gilt aber auch für Entscheidungen in London oder Berlin. Auf Fehlentscheidungen hat Brüssel kein Privileg. Zu viel Gesetzgebung und zu wenig Bürokratieabbau, zu langsame Entscheidungen, zu wenig Konsolidierung nach der letzten Erweiterung sind solche Punkte. Hier sind die Bürger zu recht verärgert, hier muss Politik auf allen Ebenen besser werden. Das darf aber doch nicht zur Zerstörung des Gesamtkonzepts führen. Soll Europa etwa ohne die Institutionen und die Rechtsgemeinschaft, die den Zusammenhalt und den Konsens möglich machen, wieder allein dem Kampf der nationalen Interessen mit den Methoden der Vergangenheit ausgesetzt werden? Oder was ist die Alternative? Sollen die Großen in Direktorien wieder die kleinen Länder gängeln und Bündnisse gegeneinander schaffen? Das wäre doch das Ergebnis.
Und wie sollen die europäische Völker in der globalen Ordnung bestehen angesichts der wirtschaftlichen Globalisierung, der veränderten politischen Kräfteverhältnisse angesichts aufstrebender Mächte wie China? Wie jeder für sich Terrorismus, organisierte Kriminalität, Umweltzerstörung bekämpfen?
Wie sehr dieser Zusammenhalt nötig ist, hat nicht zuletzt die Bankenkrise gezeigt, als sogar Großbritannien nichts anderes übrig blieb als mit seinen Partnern in der EU zusammenzuarbeiten. Gemeinsam haben die Europäer die Bankenkrise abgewehrt. Und sie haben erkannt, dass sich Regeln für die weltweiten Finanzmärkte nur gemeinsam durchsetzen lassen.
Nein, Herr Forsyth, schmeicheln Sie nicht den Deutschen, um uns in die Falle zu locken, in der die Schakale auf uns warten. Die EU ist für uns der beste Weg, wenn sie auch verbesserungswürdig und -fähig ist. Wen wundert es letztlich, daß Entscheidungen hier nur langsam fallen, wenn 27 Länder unterschiedlicher Geschichte, Größe und Mentalität am Tisch sitzen?
Deutschland muss sich auf diese Realitäten neu einstellen und Europa wieder ernst nehmen, nicht als Bedrohung, sondern als Chance. Denn die EU ist eben weder das Epizentrum einer Polit-Verschwörung, noch das verstaubte und nutzlose Traumschloss einer längst vergangenen Nachkriegszeit. Nichts dergleichen: die EU ist die einzige Möglichkeit für Deutschland und alle anderen Staaten auf unserem Kontinent, Einfluss zu nehmen auf die wichtigsten globalen Veränderungen. Und zwar nicht als Selbstaufgabe, sondern aus ureigenem Interesse, und in enger Abstimmung, sorgsamem Ausgleich und gelebter Solidarität mit unseren Nachbarn. Europa ist weder Schreckgespenst noch (Altherren)-Romantik, sondern Realpolitik. Und das bedeutet vor allem eins: alle Phantasieromane weglegen und der Wirklichkeit ins Auge blicken."
Kommentar Elmar Brok MdEP
FOCUS - ursprüngliche Version
Europa ist kein Ort für Verschwörungen -
Eine Replik an Frederick Forsyth
Von Elmar Brok MdEP
"Europa als Verschwörung, die EU als Totengräberin der Demokratie - dieses düstere Bild zeichnete vergangene Woche an dieser Stelle der britische Romanautor Frederick Forsyth. Verbunden mit der Aufforderung an Deutschland "wieder aufzustehen", präsentierte Forsyth den EU-Gründervater Jean Monnet als diabolischen Spiritus Rector und Europas Institutionen als Hort einer dunklen Macht, die nichts mehr wünscht als dem Bürger jegliche politische Mitsprache zu entziehen.
Nun lassen sich Forsyths Ausführungen leicht als die blühende Phantasie eines lebensfernen Romanschreibers abtun, dessen Geschichten ihre eigene Realität entfaltet haben. Die Entscheider im realen Brüssel sind wohl kaum gleichzusetzen mit den Weltverschwörern, Gangstern und sonstigen Finsterlingen aus den "Tagen des Schakals" oder der "Akte Odessa".
Forsyth lebt in der Vergangenheit und versucht sich als großer Verführer der Deutschen. Dabei sind es die Mitgliedstaaten, die der EU ihre Kompetenzen verleihen - und notfalls wieder entziehen können. Die EU ist deshalb kein Empire, und Brüssel nicht das imperialistische London, allein schon weil jedes Land die EU durch eigene Entscheidung verlassen kann. Die Träger von Europas Souveränität sind die Nationalstaaten und mit ihnen die Regierungen und Parlamente in den einzelnen Hauptstädten.
Die EU-Kommission kommt nur nach Zustimmung der Regierungen und dem vom Volk gewählten Europäischen Parlament ins Amt, hat also eine doppelte demokratische Legitimation, wie das Bundesverfassungsgericht im Lissabon-Urteil festgestellt hat. Das Parlament kann die Kommission entlassen und hat dies bereits einmal erzwungen - und dazu schon mehrfach die Benennung einzelner Kommissare verhindert.
Das Europäische Parlament beschließt in einem Zwei-Kammer-System gleichberechtigt mit den nationalen Regierungen Europas Gesetze und seinen Haushalt. Nahezu alle Drittlandsverträge bedürfen der Ratifikation durch die Europaabgeordneten, wie im Februar die Ablehnung des SWIFT-Abkommens mit den USA bewies. Da für eine Mehrheit im Rat 55 Prozent der Staaten und 65 Prozent der Bevölkerung notwendig ist, steht Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern nicht so schlecht da.
Von Mangel an Demokratie kann da nicht die Rede sein, von Verschwörung erst recht nicht. Aber Forsyth will uns sowieso weismachen, dass die wahre Macht in Brüssel bei der EU-Kommission und der Verwaltung liege. Das würde dann auch wieder in einen Roman passen: der hinterhältige EU-Kommissar oder Europapolitiker, assistiert von niederträchtigen Gesellen, hintertreibt listig den arglosen Bürger bis dieser nichts mehr zu sagen hat in dieser Welt.
Vielleicht stört es Forsyth aber vielleicht auch nur, dass Europas Abgeordnete im Gegensatz zum britischen Unterhaus die eigene Tagesordnung selber festlegen können, ohne dabei von einem Premierminister jederzeit mit Auflösung bedroht werden zu können. Als mein Gast kann sich Frederick Forsyth in Brüssel und Straßburg diese Realität gerne ansehen.
Aufgestanden ist Deutschland wieder nach den physischen und moralischen Verwüstungen, dem Leid und der Schuld des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts, nur eben leider nicht in der Art und Weise wie Herr Forsyth sich das wohl vorstellt. Denn die EU ist ja gerade die Antwort auf den Bruderkampf der Nationalstaaten. Monnet, Schuman, Adenauer und Kohl haben über Hitler und Stalin gesiegt.
Die Vereinigten Staaten von Europa - ohne Britannien - forderte 1946 denn auch kein Geringerer als Großbritanniens Ex-Premier Winston Churchill in seiner Züricher Europarede und später im Europarat - eine Tatsache, die Großbritanniens Euroskeptiker gerne unter den dicksten aller Teppiche kehren möchten.
Für unser Land hier und heute aber hat Churchills weitsichtiger Appell nichts von seiner Dringlichkeit und Bedeutung verloren. Denn Europa ist kein Projekt der Vergangenheit, auch wenn die Debatte über Sinn und Zweck der EU auch heute noch viel zu sehr mit den Argumenten der letzten 60 Jahre geführt wird. Jean Monnet wollte mit der Montanunion Krieg und Diktatur unmöglich machen - das war sein Motiv. Der Kriegsverlierer Deutschland wurde exakt fünf Jahre nach Ende der Kämpfe als gleichberechtigter Partner eingeladen. Das Ziel, das nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft in Frankreich zunächst über die Wirtschaftsgemeinschaft und später über den Binnenmarkt und die Währungsunion weiterverfolgt wurde, ist heute auf wundervolle Weise erreicht. Fast ganz Europa lebt heute in Frieden, Freiheit und Wohlstand in einer Rechtsgemeinschaft zusammen. Deutschland ist vereint mit Zustimmung seiner Nachbarn in Frieden und Freiheit - erstmals in unserer Geschichte. Dazu haben der Binnenmarkt und die Stabilität Europas Deutschland als große Exportnation so sehr genützt, daß es unserem Land so gut geht wie nie zuvor in seiner Geschichte.
Warum also sollten wir uns vom englischen Nationalisten Forsyth in die Falle des Wilhelminismus locken lassen? Briten wie er lieben auch deshalb die EU nicht, weil sie in der Geschichte nur bei einem geteilten Kontinent das letzte Wort hatten. Deshalb möchten sie auch schnell die Türkei in die EU aufnehmen, um auf diese Weise die Gemeinschaft von innen zu schwächen.
Natürlich gibt es auch in der EU Fehlentwicklungen. Das gilt aber auch für Entscheidungen in London oder Berlin. Auf Fehlentscheidungen hat Brüssel kein Privileg. Zu viel Gesetzgebung und zu wenig Bürokratieabbau, zu langsame Entscheidungen, zu wenig Konsolidierung nach der letzten Erweiterung sind solche Punkte. Hier sind die Bürger zu recht verärgert, hier muss Politik auf allen Ebenen besser werden. Das darf aber doch nicht zur Zerstörung des Gesamtkonzepts führen. Soll Europa etwa ohne die Institutionen und die Rechtsgemeinschaft, die den Zusammenhalt und den Konsens möglich machen, wieder allein dem Kampf der nationalen Interessen mit den Methoden der Vergangenheit ausgesetzt werden? Oder was ist die Alternative? Sollen die Großen in Direktorien wieder die kleinen Länder gängeln und Bündnisse gegeneinander schaffen? Das wäre doch das Ergebnis.
Und wie sollen die europäische Völker in der globalen Ordnung bestehen angesichts der wirtschaftlichen Globalisierung, der veränderten politischen Kräfteverhältnisse angesichts aufstrebender Mächte wie China? Wie jeder für sich Terrorismus, organisierte Kriminalität, Umweltzerstörung bekämpfen?
Wie sehr dieser Zusammenhalt nötig ist, hat nicht zuletzt die Bankenkrise gezeigt, als sogar Großbritannien nichts anderes übrig blieb als mit seinen Partnern in der EU zusammenzuarbeiten. Gemeinsam haben die Europäer die Bankenkrise abgewehrt. Und sie haben erkannt, dass sich Regeln für die weltweiten Finanzmärkte nur gemeinsam durchsetzen lassen.
Nein, Herr Forsyth, schmeicheln Sie nicht den Deutschen, um uns in die Falle zu locken, in der die Schakale auf uns warten. Die EU ist für uns der beste Weg, wenn sie auch verbesserungswürdig und -fähig ist. Wen wundert es letztlich, daß Entscheidungen hier nur langsam fallen, wenn 27 Länder unterschiedlicher Geschichte, Größe und Mentalität am Tisch sitzen?
Deutschland muss sich auf diese Realitäten neu einstellen und Europa wieder ernst nehmen, nicht als Bedrohung, sondern als Chance. Denn die EU ist eben weder das Epizentrum einer Polit-Verschwörung, noch das verstaubte und nutzlose Traumschloss einer längst vergangenen Nachkriegszeit. Nichts dergleichen: die EU ist die einzige Möglichkeit für Deutschland und alle anderen Staaten auf unserem Kontinent, Einfluss zu nehmen auf die wichtigsten globalen Veränderungen. Und zwar nicht als Selbstaufgabe, sondern aus ureigenem Interesse, und in enger Abstimmung, sorgsamem Ausgleich und gelebter Solidarität mit unseren Nachbarn. Europa ist weder Schreckgespenst noch (Altherren)-Romantik, sondern Realpolitik. Und das bedeutet vor allem eins: alle Phantasieromane weglegen und der Wirklichkeit ins Auge blicken."
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